Wie die Berliner Schriftstellerin Hedwig Dohm für die Gleichberechtigung kämpfte

Hedwig Dohm war eine der klügsten und scharfsinnigsten Feministinnen des 19. Jahrhunderts. Sie setzte sich aktiv für das Recht von Frauen auf höhere Bildung und politische Teilhabe ein. Schon in einer Zeit, in der geschlechtsspezifische Diskriminierung allgegenwärtig war, argumentierte sie, dass das Lebensziel einer Frau nicht auf Ehe, Mutterschaft und Haushalt beschränkt sein sollte. Viele ihrer Ideen sind auch im 21. Jahrhundert noch aktuell. Mehr über diese radikale Kämpferin gegen konservative Normen, die das Bewusstsein einer neuen Frauengeneration prägte, erfahren Sie auf berlinka.info.

Eine schwierige Kindheit

Marianne Adelaide Hedwig Schlesinger wurde am 20. September 1831 in Berlin als Tochter einer assimilierten jüdischen Familie geboren. Ihre Eltern heirateten offiziell erst 1838, da die Familie ihres Vaters Gustav Adolf Gotthold Schlesinger diese Verbindung nicht guthieß und mit Enterbung drohte. Ihr Vater war Tabakfabrikant, ihre Mutter, Henriette Wilhelmine Jülich, stammte aus armen Verhältnissen. Hedwig wuchs mit 17 Geschwistern auf.

Schon als Kind war sie wissbegierig, doch sie fürchtete ihre strenge Mutter, die körperliche Strafen als Erziehungsmittel einsetzte. In diesem familiären Umfeld wurde Hedwig früh bewusst, dass Töchter anders behandelt wurden als Söhne. Während Jungen eine umfassende Bildung erhielten, mussten Mädchen sich mit schlechter oder gar keiner Schulbildung zufriedengeben. Gleichzeitig beobachtete Hedwig, dass Mädchen aus wohlhabenderen oder adligen Familien bessere Bildungsmöglichkeiten hatten. Während ihre Brüder das Gymnasium besuchten, musste sie mit 15 Jahren die Schule verlassen, um im Haushalt zu helfen. Erst drei Jahre später konnte sie ihre Eltern überzeugen, sie weiterlernen zu lassen, und besuchte ein pädagogisches Seminar. Obwohl sie dort eine Lehrerinnenausbildung abschloss, schrieb sie später, dass ihr Wissen kaum über das Niveau der siebten Klasse hinausging.

Vorkämpferin für Frauenrechte

1867 veröffentlichte Hedwig Dohm ihr erstes wissenschaftliches Werk, eine 600-seitige Abhandlung über die spanische Nationalliteratur (Die spanische Nationalliteratur in ihrer geschichtlichen Entwicklung). Eine beachtliche Leistung für eine Frau ohne Hochschulabschluss! Ab den frühen 1870er-Jahren schrieb sie feministische Traktate, in denen sie juristische, soziale und wirtschaftliche Gleichberechtigung forderte. Sie kämpfte insbesondere für das Frauenwahlrecht und veröffentlichte in den späten 1880er-Jahren zahlreiche Texte über die Erneuerung der Frauenbewegung.

Dohm gründete zudem die Organisation Reform, die sich für eine umfassende Bildungsreform und den Universitätszugang für Frauen einsetzte. Sie schrieb offen darüber, dass Frauen nicht heiraten sollten, nur weil es gesellschaftlich erwartet wurde, sondern nur dann, wenn sie es wirklich wollten. Sie stellte infrage, dass Mutterliebe ein natürlicher Instinkt sei, und argumentierte, dass nicht jede Frau Kinder bekommen müsse. Zudem betonte sie die Bedeutung beruflicher Selbstverwirklichung für Frauen und forderte, dass Hausarbeit und Kindererziehung in institutionelle Betreuung überführt werden sollten.

Mit scharfem Verstand analysierte sie die Werke patriarchaler Denker und widerlegte sie mit Humor. Dohm gehörte zu den ersten Feministinnen, die betonten, dass geschlechtsspezifische Rollen nicht biologisch vorgegeben, sondern gesellschaftlich konstruiert sind. Viele ihrer Forderungen sind bis heute nicht vollständig erfüllt – Frauen kämpfen weiterhin für Gleichberechtigung in der Gesellschaft, im Beruf und in der Familie.

Eine scharfe Kritikerin von Krieg und Militarismus

Neben ihrem Engagement für Frauenrechte war Dohm auch Pazifistin. Sie verurteilte Kriege und kritisierte insbesondere den von Männern dominierten Militarismus. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg sprach sie sich entschieden gegen den aufkommenden Nationalismus aus und veröffentlichte antimilitaristische Artikel in der kommunistischen Zeitschrift Die Aktion.

Neben politischen Traktaten schrieb sie auch Märchen, Komödien, Novellen, Gedichte und Romane, in denen sie immer wieder das Thema Gleichberechtigung aufgriff. In den späten 1870er-Jahren wurden mehrere ihrer Theaterstücke in Berlin aufgeführt. Nach dem Tod ihres Mannes 1883 begann sie, Romane und Erzählungen zu verfassen, um ihren Schmerz zu verarbeiten.

Ihre bekanntesten Werke

Was die Pastoren von den Frauen denken (1872) – eine scharfe Antwort auf die frauenfeindlichen Ansichten des protestantischen Theologen Philipp von Nathusius, der behauptete, die natürliche Bestimmung der Frau sei die Ehe. Dohm hielt ihm vor, gesellschaftliche Konventionen mit Naturgesetzen zu verwechseln.

Die Antifeministen: Ein Buch der Verteidigung (1902) – eine humorvolle, aber pointierte Widerlegung der damals verbreiteten Ansichten über den „natürlichen“ Geschlechterunterschied. Dohm klassifizierte vier Gruppen von Antifeministen:

  1. Die Traditionalisten – Menschen, die sich auf das Argument berufen, „es war schon immer so“.
  2. Die Männerrechtler – jene, die ihre Dominanz als naturgegeben betrachten.
  3. Die praktischen Egoisten – Männer, die an einer Gesellschaftsordnung festhalten, in der Frauen die Hausarbeit übernehmen.
  4. Die Ritter der Mater Dolorosa – eine Gruppe, die Frauen auf zwei Rollen reduziert: die „Heilige“ und die „Sünderin“, wobei von Frauen erwartet wird, sich gesellschaftlichen Erwartungen unterzuordnen.

Privatleben

1853 heiratete Hedwig Dohm den Schriftsteller Ernst Dohm, den Chefredakteur der Satirezeitschrift Kladderadatsch. Sie hatten fünf Kinder, von denen vier Töchter eine umfassende Ausbildung erhielten. Der einzige Sohn starb im Alter von elf Jahren. Die Dohms waren in den Berliner Intellektuellenkreisen angesehen, und Hedwig fühlte sich in ihrer Ehe frei und glücklich.

Hedwig Dohm verstarb am 1. Juni 1919 in Berlin im Alter von 87 Jahren. Sie gilt als eine der bedeutendsten Figuren der frühen deutschen Frauenbewegung. Ihre umfangreichen Werke befassten sich mit Frauenrechten, Bildung, Ehe und Gesetzgebung – Themen, die auch heute noch relevant sind.

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