Gräfin des Widerstands Maria von Maltzan – eine einzigartige Berlinerin des 20. Jahrhunderts

Der Titel „Gerechte unter den Völkern“ – ist mehr als nur eine ehrenvolle Auszeichnung. Es ist eine moralische Grenze, die alltäglichen Mut von aufopferungsvoller Tapferkeit trennt, manchmal wird sie so dünn, dass sie zu einem Drama der Wahl wird. Eine derjenigen, die sich im Epizentrum eines solchen Dramas befand, war die preußische Gräfin Maria von Maltzan. In einer Familie, die das NS-Regime unterstützte, wurde sie zur Ausnahme – eine Stimme des Widerstands, die im aristokratischen Salon erklang. Die deutsche Adlige trat nicht mit Worten, sondern mit Taten gegen die Politik des Rassenhasses auf, weshalb Maria von Maltzan von den heutigen Deutschen als die berühmteste Gräfin Berlins bezeichnet wird. Mehr dazu auf berlinka.info.

Von Schlosssälen zu dunklen Gängen

Maria-Helena-Francoise-Isabella wurde am 25. März 1909 in eine wohlhabende schlesische Familie mit altem Stammbaum geboren, der auf schwedische Aristokraten zurückging. Ihre Kindheit verbrachte sie auf dem Familienanwesen Militsch – einem prächtigen Schloss unweit der polnischen Grenze. Graf von Maltzan war nicht nur ein angesehenes Mitglied der Kommission zur Festlegung der Grenzen der Weimarer Republik, sondern auch ein Philanthrop, der auf eigene Kosten Heime für Waisen und ältere Menschen baute.

In Militsch waren oft junge Musiker und Künstler aus Berlin zu Gast, und die von ihnen geschaffene Atmosphäre der Schönheit, des Freidenkertums und der Wohltätigkeit prägte den Charakter der jungen Maria. Sie zeichnete sich von klein auf durch Hartnäckigkeit, Selbstständigkeit und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn aus. Sie liebte Tiere sehr, ihre Verwandten bemerkten, dass es sogar übertrieben war. Die Entschlossenheit des Mädchens wurde als unklug und ihr Mut als rücksichtslos bezeichnet. Doch später machten sie genau diese Eigenschaften, gepaart mit ihrer Furchtlosigkeit, zu einer Legende des Berliner Untergrunds.

Im Alter von 12 Jahren verlor Maria ihren Vater – und gleichzeitig ihre Kindheit. Alle Erbrechte gingen an den älteren Bruder über, und sie wurde zusammen mit ihren Schwestern vom Hausunterricht auf eine reguläre Schule geschickt. Ihr rebellischer Charakter erlaubte es dem Mädchen nicht, sich mit den neuen Verhältnissen abzufinden. Sie wurde wegen Disziplinlosigkeit von mehreren Einrichtungen verwiesen, bis die junge Gräfin in ein Berliner Pensionat für adlige Mädchen kam, wo sie sich mit den Lehrern verstand. 

Stiller Mut

Die Studienjahre wurden für Maria zu Jahren der Befreiung. In Breslau lernte sie Mitglieder einer sozialdemokratischen Jugendorganisation kennen und engagierte sich aktiv im öffentlichen Leben. Anfangs misstraute man ihr; Maria Gräfin von Maltzan fühlte sich unter den Sozialisten als Außenseiterin. Doch allmählich brachen ihre Aufrichtigkeit und Entschlossenheit das Eis des Misstrauens. Maria sah den Nazi-Terror nicht in den Zeitungen, sondern auf den Straßen, wenn Schlägertrupps Versammlungen angriffen. Sie wusste, dass sie gegen den Strom schwamm, denn alle ihre Geschwister waren der NSDAP beigetreten und warfen ihr vor, sich von der Familie abzuspalten. Doch trotz des Drucks ihrer Verwandten weigerte sich das Mädchen kategorisch, Agitatorin für die Nazi-Partei zu werden, obwohl ihr hervorragende Karriereperspektiven und Privilegien angeboten wurden.

Das Recht, Gutes zu tun

Maria von Maltzan war eine außergewöhnliche Frau: Sie konnte gut schießen, reiten, schwimmen und zeigte eine raffinierte Schönheit, was hohe Beamte, Schauspieler und Generäle anzog. Man bewunderte sie in den Berliner Salons. Doch all das interessierte die Frau nicht; außerhalb der gesellschaftlichen Kreise schrieb sie rührende Tiergeschichten, die Frauenzeitschriften gerne kauften, und bereitete sich darauf vor, ihren lang gehegten Traum zu verwirklichen – Tiere zu behandeln.

1940 trat Maria in die Veterinärmedizinische Fakultät der Berliner Universität ein, was nicht nur ihre eigene Familie schockierte. Doch später wurde genau diese Ausbildung zur Tarnung, zum Fortbewegungsmittel und zur Informationsübermittlung für die Rettung von Juden. Während der NS-Herrschaft folgte der Tod der Mutigen jeden Tag, doch die Gräfin zeigte nie ihre Angst und handelte nach ihrem eigenen Gewissen.

Ein Weg durch die Dunkelheit

1939 lernte Gräfin Maria den Herausgeber eines Avantgarde-Almanachs, Hans Hirschel, kennen – einen Juden, der mit seiner Mutter in Berlin lebte. Trotz der drohenden Verhaftung weigerte sich die Familie, nach England zu emigrieren. Währenddessen wurden immer mehr Juden Opfer des Terrors; jeder Tag in der Hauptstadt konnte ihr letzter sein. Die Gräfin versteckte Hans unter Lebensgefahr fast bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor der Gestapo. Angesichts der Herkunft der Besitzerin wurde das Haus der Gräfin in der Detmolder Straße in Berlin nicht gründlich durchsucht, sodass der Mann das Glück hatte zu überleben.

Aber Maria rettete nicht nur Hirschel. Eine solche Frau konnte sich nicht von den Aktivitäten des Untergrunds fernhalten; die Widerstandskämpfer versuchten, Juden vor der Gestapo zu retten. Einer der Rettungskanäle war die Schwedische Kirche in Berlin, von wo aus Menschen über diplomatische Kanäle nach Schweden geschleust wurden: in Möbelcontainern, die offiziell von der Botschaft in der deutschen Hauptstadt nach Stockholm transportiert wurden.

Licht über dem Bodensee

Maria von Maltzan war für den Transport der Flüchtlinge an einen vereinbarten Ort verantwortlich; ihr Weg führte meist über Waldwege. Bei einer dieser Überführungen fiel sie beinahe in die Hände der SS-Männer. Sie wurde von Diensthunden verfolgt und war gezwungen, sich bis zum Morgen im Geäst eines Baumes zu verstecken. Sie hatte Glück, dass ein Bombenangriff auf das Gebiet begann, und als man sich beeilte, das Feuer zu löschen, mischte sich Maria unter die Anwohner und entging einer Kontrolle. Ein anderes Mal, als sie gerettete Juden begleitete, lenkte Maria bewusst die Aufmerksamkeit einer Patrouille auf sich, damit ihre Schützlinge freigelassen wurden. Während der Flucht wurde sie verwundet, konnte aber entkommen und sich verstecken; sie kehrte erst nach Hause zurück, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass die Geretteten in Sicherheit waren. 

Neben den Routen in den Norden arbeitete Maria auch in südlicher Richtung – über den Bodensee an der Grenze zur Schweiz. Nachts durchschwamm sie zusammen mit den Flüchtlingen den See, wobei sie sich an Signalen vom gegenüberliegenden Ufer orientierte. Manchmal dauerte das Schwimmen über zwei Stunden. In der nächsten Nacht kehrte sie zurück. Eine dieser Überquerungen endete beinahe tödlich: Maria wurde von einem Grenzschutzboot entdeckt. Der verzweifelten Gräfin gelang dank ihres Talents als Schwimmerin erneut die Flucht. Diejenigen, die die Untergrundkämpferin Maria kannten, stellten fest, dass diese Frau durch gute sportliche Vorbereitung, Erfahrung, Ausdauer und ständige Risikobereitschaft gerettet wurde. 

Nicht für Medaillen

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb Maria von Maltzan in Berlin, wo sie in ihrem Beruf als Tierärztin zu arbeiten begann. Parallel dazu wurde sie in die öffentliche Arbeit einbezogen: Ab August 1945 begannen die Alliierten eine großangelegte Entnazifizierungskampagne, und von Maltzan wurde Mitglied der Kommissionen, die nach ehemaligen Nazis in der Zivilbevölkerung suchten. Gräfin Maria von Maltzan hatte eine eigene Wohnung, eine professionelle Arbeit und vor allem war Hans Hirschel an ihrer Seite, den sie endlich offiziell heiratete. Obwohl sie danach nicht viele Jahre zusammenlebten.

Im August 1997 wurde Frau Maria nach Israel eingeladen, um ihr den Titel „Gerechte unter den Völkern“ zu verleihen. Sie lehnte die Auszeichnung jedoch ab, da israelische Truppen zu dieser Zeit an Kampfhandlungen im Libanon beteiligt waren. Die Gräfin konnte nicht von ihren Prinzipien abweichen – eine Auszeichnung von einem Staat anzunehmen, der ihrer Meinung nach die Rechte anderer Menschen verletzte. Bis zu ihren letzten Tagen blieb Maria von Maltzan ihrer Lebensposition treu – den Verfolgten zu helfen und die Unterdrückten zu schützen.

Eine Gerechte ohne Medaille

Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Maria im Berliner Bezirk Kreuzberg – einem sozial angespannten, multinationalen Viertel mit dem Ruf, marginal zu sein. Dort ließen sich oft Arbeitsmigranten, Flüchtlinge und einkommensschwache Personen nieder. Doch gerade in diesem Umfeld fühlte sich die Gräfin wohl, denn sie beobachtete gern, wie sich Menschen verschiedener Kulturen und Glaubensrichtungen aneinander anpassten. Mehr noch, sie mischte sich sogar in die Konflikte zwischen der Polizei und den Anwohnern ein, die recht häufig auftraten. Sie trat für ihre Nachbarn ein, weil sie nicht die geringste Ungerechtigkeit duldete.

Maria von Maltzan verstarb im November 1997, nachdem sie ihren 88. Geburtstag gefeiert hatte. Ein Jahr später wurde auf Initiative von Berliner Aktivisten an der Fassade des Hauses in der Detmolder Straße, in dem die Gräfin während des Zweiten Weltkriegs gelebt hatte, eine Gedenktafel angebracht. Der Text ist allen heutigen Berlinern wohlbekannt: „Hier lebte von 1938 bis 1945 Gräfin Maria von Maltzan, die Juden versteckte und ihnen in Zusammenarbeit mit der Schwedischen Kirche und antifaschistischen Widerstandsgruppen zur Flucht aus Deutschland verhalf.“

Die Waffe der Barmherzigkeit

Gräfin Maria von Maltzan strebte nicht nach Ruhm, erwartete keine Auszeichnungen und gab sich nicht als Heldin aus. Sie tat einfach das, was sie für richtig hielt. Ihre Geschichte ist eine Mahnung daran, dass der Widerstand gegen das System nicht immer sichtbar ist; manchmal zeigt er sich in stillen Taten, in Menschen, die aus der Gefahr gebracht wurden, in Charakterzügen, die sich selbst unter dem Druck der Angst nicht ändern. In einer Welt, in der das Böse oft auf der Seite des Gesetzes stand, blieb Maria von Maltzan immer auf der Seite des Gewissens. Ihre Lebensentscheidung ist nicht nur persönlicher Mut, sondern auch ein Beispiel dafür, dass selbst ein einzelner Mensch nicht nur das Schicksal von Hunderten anderen, sondern auch den Lauf der Geschichte ändern kann.

Quellen:

  1. https://ami.spb.ru/A284/A284-041.html
  2. https://isralove.org/load/14-1-0-1130
  3. http://old.evrejskaja-panorama.de/zashitnaja-bezzashitnyh-135852270/
  4. https://berkovich-zametki.com/Nomer18/Maltzan.htm
  5. https://cripo.com.ua/stories/uroky-ystoryy-o-tom-kak-nemtsy-soprotyvlyalys-natsyzmu-kak-vyglyadelo-soprotyvlenye-v-gytlerovskoj-germanyy/
  6. https://ru.biographs.org/maria-von-maltsan
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