Die Berliner Feministin Lilli Braun – die rebellische Enkelin ihrer edlen Großmutter

Lilli Braun wollte ihr ganzes Leben lang auf mehreren Stühlen zugleich sitzen. Als Tochter des Adels interessierte sie sich für die Sozialdemokratie und dazu für die Frauenbewegung. Lesen Sie mehr über das Leben der bekannten Berliner Feministin auf berlinka.info.

Bruch mit der adligen Vergangenheit

Lilli Braun wurde am 2. Juli 1865 als Amalie Jenny Emilie Clotilde Johanna von Kretschmann geboren. Sie stammte aus wohlhabendem preußischen Adel. Ihr Vater Hermann von Kretschmann war Offizier, ihre Mutter gehörte zur Familie von Gustedt, und ihre Großmutter Jenny von Gustedt war die uneheliche Tochter von Jérôme Bonaparte und Diana von Pappenheim. Die Beziehung zwischen der Enkelin und der Großmutter war ziemlich eng und bedeutend für beide. Jenny von Gustedt erkannte viele Gemeinsamkeiten mit ihrer rebellischen Enkelin.

1893 heiratete Lilli von Kretschmann Georg von Gizycki, was zu ernsthaften Konflikten mit ihrer Familie führte. Nach dem frühen Tod von Gizycki und ihrer zweiten Ehe mit dem Sozialdemokraten Heinrich Braun verbrannte sie endgültig alle Brücken zu ihrer adligen Familie.

Der Umzug nach Berlin folgte. Genau diese Stadt wurde zum Wendepunkt ihres Lebens. Hier wurde sie Sozialdemokratin der revisionistischen Parteiströmung und Verteidigerin der Frauenrechte im bürgerlich-radikalen Frauenbewegungskreis.

Konflikt mit Clara Zetkin

Führende Frauen der revolutionären Strömung, wie Ottilie Baader und Clara Zetkin, begrüßten Lilli Brauns Eintritt in die SPD. Doch schon bald sah Zetkin in ihr eine Rivalin. Für Zetkin konnte die Gleichstellung der Frauen nicht durch kleine Schritte erreicht werden, sondern nur durch den Sieg der Arbeiterklasse. Außerdem fühlte sie sich durch Lilli Braun, die ihr intellektuell ebenbürtig war, bedroht. Dies untergrub Zetkins unangefochtene Führungsrolle. Als unerfahrene Genossin und ehemalige Aristokratin hatte Lilli Braun kaum eine Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, und fand keine Unterstützung in der Arbeiterbewegung für ihre Ideen wie Haushaltskooperativen oder Mutterschaftsversicherungen. Später bedauerte Anna Blos, dass dieser Kampf gegen Lilli Braun, den Clara Zetkin mit ihren Anhängern führte, ein trauriges Kapitel darstelle. Sie betonte, wie viel Gutes diese beiden bedeutenden Frauen zusammen oder nebeneinander hätten erreichen können.

Reorganisation des Familienlebens

Gemeinsam mit Minna Cauer gab sie 1895 als Lilli von Gizycki den ersten Band der Zeitschrift „Die Frauenbewegung“ heraus und wurde Mitglied im Verein Frauenwohl. Sie sympathisierte stark mit dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung, kritisierte jedoch, dass dieser sich zu sehr auf die Interessen bürgerlicher Frauen beschränkte. 1896 nahm sie auf Einladung von Lina Morgenstern am Internationalen Kongress für Frauenarbeit und Frauenbestrebungen in Berlin teil. Dort wollte sie die Unzulänglichkeiten der bürgerlichen Frauenbewegung anprangern und die Menschen zu zwei parallelen Treffen der proletarischen Frauenbewegung einladen.

Lilli Braun gehörte zu den ersten, die auf den unzureichenden Mutterschutz hinwiesen und zu einer umfassenden Mutterschaftsversicherung aufriefen. Sie entwickelte auch konkrete Vorschläge zur Reorganisation des Familienlebens, um es besser an die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen aller Klassen anzupassen. Ihr Vorschlag von Haushaltskooperativen war Teil der Diskussion über das Ein-Küchen-Haus, das aus den USA stammte und in den 1890er Jahren in Deutschland aufgegriffen wurde. Dabei handelte es sich um Bauprojekte in genossenschaftlicher Organisation, bei denen gemeinschaftliche Regeln für Kochen, Waschen und Putzen galten. Verschiedene Modelle sollten sowohl Arbeiterfamilien, in denen Frauen oft in Fabriken arbeiten mussten, als auch alleinstehenden Frauen zugutekommen. Lilli Braun hinterließ einen bedeutenden Eindruck in der sozialdemokratischen Frauenbewegung, und ihre Werke sind in der historischen Geschlechterforschung bekannt.

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