Inge Keller – Ehrenmitglied des Deutschen Theaters in Berlin

Das 20. Jahrhundert brachte Deutschland viele talentierte Schauspieler hervor, die trotz der Herausforderungen des Zweiten Weltkriegs weltweite Anerkennung erlangten. Eine von ihnen war die Berlinerin Inge Keller, deren Jugend von der Kriegszeit geprägt war. Eine außergewöhnliche Persönlichkeit, talentierte Schauspielerin und bemerkenswert mutige Frau – Inge Keller hinterließ einen bleibenden Eindruck in der Geschichte des Weltkinos und des Theaters. Mehr dazu auf berlinka.info.

Wie lernte Inge Keller die Schauspielkunst?

Inge Keller wurde 1923 in Berlin in eine wohlhabende Familie geboren. Ihr Vater leitete den Bau von Straßen und Autobahnen, ihre Mutter war die Tochter eines Fabrikanten. Zusammen mit ihrer älteren Schwester und ihrem jüngeren Bruder wuchs sie in einem wohlhabenden Haus mit Kindermädchen und privatem Chauffeur auf. Doch die politischen Ereignisse der 1930er Jahre veränderten das Leben der Familie. In einem späteren Interview bezeichnete Inge sich selbst als „Kriegskind“, das gezwungen war, NS-Schulen zu besuchen, da es keine Alternativen gab. Während der Bombardierungen suchte die Familie Schutz im Weinkeller ihres Vaters.

Noch vor dem Krieg begann Inge, eine Theaterschule zu besuchen, zunächst aus Interesse an einem Freund. Während des Zweiten Weltkriegs konzentrierte sie sich fast ausschließlich auf den Schauspielunterricht. Der Leiter der Schule, ein ehemaliger Staatsschauspieler, stellte hohe Ansprüche an seine Schüler. Doch Inge hielt sich an den Rat ihres Vaters: „Wenn du etwas machst, dann mach es richtig.“

Theaterkarriere und Charakter

Foto: Inge Keller (rechts) als Klytämnestra in „Elektra“, 1978

Während des Zweiten Weltkriegs schloss Inge die Schauspielschule ab und spielte an städtischen Theatern in Freiberg und Chemnitz. 1945 wechselte sie zum Berliner „Hebbel-Theater“, dessen Intendant zu dieser Zeit Boleslaw Barlog war. Bald wurde sie zur Primadonna des Theaters. 1948 erhielt sie ihre erste Filmrolle als Irene Gabriel in der romantischen Komödie „Quartett zu fünft“ von Gerhardt Lamprecht. 1950 zog sie nach Ostberlin, wo sie sich dem renommierten Regisseur Konrad Wolf anschloss. Kritiker interpretierten diesen Schritt politisch, doch Keller betonte, dass ihre Entscheidung rein künstlerischer Natur war.

Während der Zeit der geteilten Nation wurde Keller als „Dienstgräfin der DDR“ bezeichnet. Ihr aristokratisches Auftreten und ihre kultivierte Sprache prägten dieses Image. Wie sie selbst sagte, wurde sie im „preußischen Stil“ erzogen: mit eiserner Disziplin, Arbeitsethos und Pflichtbewusstsein.

In Bezug auf den Nationalsozialismus erklärte sie, sich so weit wie möglich von der Politik ferngehalten zu haben. Erst nach dem Krieg erfuhr sie von Auschwitz. Sie räumte jedoch ein, dass die Gräueltaten der Nazis eine lebenslange moralische Bürde blieben.

Liebling des Theaterpublikums

Kritiker lobten Inge Keller für ihre beeindruckende Schauspielkunst und ihre hervorragende Rhetorik. Jedes ihrer Worte auf der Bühne war bedeutungsvoll. Dennoch betrachtete sie sich selbst nie als „Star“. Ihrer Meinung nach sollten Schauspieler das Publikum mit positiven Gefühlen bereichern – und genau das war ihr Ziel.

Bis 2001 war Keller ein festes Ensemblemitglied des Deutschen Theaters und trat auch danach noch regelmäßig auf. Sie arbeitete mit renommierten Regisseuren wie Wolfgang Langhoff, Peter Stein, Harry Kupfer und Robert Wilson zusammen. Ihre Präsenz war so stark, dass sie auch bei Lesungen das Publikum in ihren Bann zog.

Tourneen und Filmkarriere

Im Deutschen Theater glänzte Keller in Rollen wie Mascha in „Drei Schwestern“, Elmire in „Tartuffe“ und Mrs. Alving in „Gespenster“. In den 1970er und 1980er Jahren gastierte sie erfolgreich in Westberlin an der Schaubühne und im Renaissance-Theater. Zu ihren bedeutendsten Bühnenrollen zählten Eliza Doolittle in „Pygmalion“ von George Bernard Shaw, Emilia in Shakespeares „Othello“ und Prinzessin Eboli in Schillers „Don Carlos“.

Auch Filmregisseure wurden auf Kellers Eleganz aufmerksam. Zu ihren herausragenden Filmen gehören „Das Gewissen erwacht“ (1961), „Effi Briest“ (1970) und „Aimée und Jaguar“ (1999). Insgesamt wirkte sie in 40 Filmen mit, die von der DDR-Filmgesellschaft DEFA und dem deutschen Fernsehen produziert wurden.

Privatleben der Schauspielerin

Trotz ihres intensiven beruflichen Lebens fand Keller Zeit für eine Ehe mit Karl-Eduard von Schnitzler, einem bekannten politischen Kommentator der DDR. Das Paar hatte eine Tochter, Barbara, die ebenfalls Schauspielerin wurde. Die Ehe hielt jedoch nur wenige Jahre. Keller blieb danach unverheiratet, fühlte sich aber nie einsam. „Einsamkeit ist ein Zustand, den man selbst zulässt“, sagte sie in einem Interview. Für sie waren Familie und Freunde der Schlüssel zu einem erfüllten Leben.

Auszeichnungen und Vermächtnis

Keller erhielt zahlreiche Preise, darunter die Kunstpreis der DDR und den Orden „Für Verdienste um das Vaterland“ in Gold. Sie war bis ins hohe Alter aktiv und wurde 2013 mit dem Theaterpreis „Der Faust“ für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Inge Keller starb im Februar 2017 im Alter von 93 Jahren. Kulturministerin Monika Grütters würdigte sie als „Jahrhundertschauspielerin“ und bemerkte, dass ihre Disziplin und Vielseitigkeit eine einzigartige Bereicherung für die deutsche Theaterwelt darstellten.

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