Berliner Presseball: Von der Vergangenheit bis zur Gegenwart

In den 2020er Jahren erlebt die deutsche Hauptstadt die allmähliche Wiedergeburt einer der elegantesten Traditionen des deutschen Gesellschaftslebens – den Berliner Presseball. Erstmals empfing er 1872 Gäste und wurde allmählich zu einem Spiegel seiner Zeit, in dem sich nicht nur Journalisten, sondern auch Politiker, Künstler, Geschäftsleute und Stars des öffentlichen Lebens trafen. Von Anfang an war der Presseball nicht als luxuriöse Party geplant, sondern als Geste der Solidarität – nach dem Vorbild des Wiener Schriftsteller- und Journalistenballs. Sein Ziel war einfach und edel: Kollegen zu unterstützen, die in Not geraten waren, und die Fachgemeinschaft nicht nach Rang, sondern nach dem Glauben an die Macht des Wortes zu vereinen. Weiter auf berlinka.info

Ein Berliner Walzer der Zeit

Das Berlin im November 1900 hatte einiges zu bieten, und das nicht nur wegen des ersten Schnees oder der intellektuellen Debatten in den Cafés von Unter den Linden. Die wahre soziale Sensation des Monats war das Fest des Vereins der Berliner Presse, das am 10. November im Herzen der deutschen Macht – dem Reichstag – stattfand. Es war kein gewöhnlicher Ball, sondern ein Ritual der Anerkennung für einen Berufsstand, der sonst im Schatten stand. In den prächtigen, mit Reichsflaggen geschmückten Sälen versammelten sich führende Vertreter von Regierung, Kunst, Wissenschaft und Finanzen. Unter den Anwesenden war auch Staatssekretär von Richthofen, der den neu ernannten Kanzler Bülow vertrat, welcher an diesem Abend zum Kaiser gerufen worden war.

Paradoxerweise begannen die ersten Probleme ausgerechnet mit dem Kanzler. Der erste Presseball sollte bereits 1872 stattfinden, doch damals zerstritten sich die Journalisten wegen der Person Otto von Bismarcks. Der Kanzler, bekannt für sein Misstrauen gegenüber der Presse, war für viele ein unerwünschter Gast. Deshalb musste die Premiere des Balls um ganze 8 Jahre verschoben werden. Bismarck wurde übrigens nie eingeladen. Im Jahr 1900 begann das Programm im Bankettsaal des Reichstags mit Liedern des Berliner Gesangvereins und Opernsängern aus Dresden. Es folgten Auftritte des Orchesters des Füsilier-Regiments, festliche Säle, Tanz und Gespräche. Reporter schrieben, der Ball habe bis zum Morgengrauen gedauert, als auch die letzten Gäste das illuminierte Wallot-Gebäude verließen. Es war nicht nur eine Nacht der Unterhaltung; die Einnahmen wurden zur Unterstützung bedürftiger Journalisten gespendet. 

In den Armen von Wort und Musik

Schon bald wurde der Presseball im Reichstag als der Deutsche Presseball bekannt – ein jährliches Großereignis im Herzen der Hauptstadt. Symbolträchtig wurde das Jahr 1909, als auch die Kanzler begannen, die Veranstaltung zu besuchen. Dies bedeutete, dass der Journalistenberuf angesehener geworden war und die Reporter sich auf Augenhöhe mit der Macht befanden. In den turbulenten „Goldenen Zwanzigern“ bemerkte der berühmte Berliner Satiriker und Presseball-Chronist Kurt Tucholsky, dass die führenden Persönlichkeiten der Presse in den Logen saßen. Und in der Pause konnten sie sich mit Vertretern aller zivilisierten Staaten unterhalten.

Alles änderte sich 1933, als Adolf Hitler an die Macht kam. Die freien und informellen Treffen des Berliner Presseballs verwandelten sich in ein sorgfältig inszeniertes Ritual, das neuen Regeln unterworfen war. Alles musste gleichförmig und einstimmig ablaufen – das war das Wesen der „Gleichschaltung“, wie die damals von Joseph Goebbels selbst gesteuerte Zwangskoordination der Gesellschaft genannt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte sich das Zentrum des Geschehens vorübergehend nach Bonn, das zur neuen Hauptstadt der BRD wurde. Genau dort, in Bad Neuenahr und später im Hotel „Maritim“, wurde der Bundesball der Presse wiederbelebt. Ohne kaiserliche Säle, aber mit neuen Symbolen, war es ein privater Abend mit Tanz, Musik und Intrigen, bei dem Journalisten Politiker einladen konnten – oder umgekehrt.

Scheinwerferlicht und Schatten der Geschichte

Foto: Helmut und Hannelore Kohl auf dem Bundespresseball, 1987

Ein besonderes Ereignis war der Deutsche Presseball 1970. Auf der Welle der Reformen der Ära Willy Brandt erhielt die Veranstaltung, die in der Beethovenhalle stattfand, das ironische Motto „Bonnjunktur“ – ein Wortspiel, das auf „Konjunktur in Bonn“ anspielte. Die Atmosphäre war dicht, aber gleichzeitig leicht und bisweilen sogar komisch. Zahlreiche Anekdoten zeugten von der Mythenbildung um den Ball. Später erinnerten sich einige Teilnehmer an ein Bühneninterview mit der jungen Olympiasiegerin Heide Rosendahl, andere an das Missgeschick von Hannelore Kohl, auf deren elegantes Kleid während einer Radiosendung mit ihrem Mann Helmut Kohl versehentlich ein Glas Rotwein verschüttet wurde. Übrigens verschwand Herr Kohl damals sofort – offenbar war er der Meinung, dass es sich nicht lohnte, sein politisches Image für ein Glas Spätburgunder zu riskieren.

Die 1970er Jahre wurden zum „goldenen Jahrzehnt“ der Pressebälle in West-Berlin. Sogar der Intendant des „SFB“, Franz Barsig, der nicht gerade als großer Ball-Liebhaber galt, entschied sich schließlich, dieses gesellschaftliche Ereignis zu unterstützen. Zu den Initiatoren gehörten die Unterhaltungsgrößen Dieter Finnern und Peter Lichtwitz, die sogar Maestro Robert Stolz aus Wien holten. Sein berühmter Walzer „Du sollst der Kaiser meiner Seele sein“ erklang im Palais am Funkturm, nun mit Auftritten von Udo Jürgens und Mireille Mathieu.

Fast die Spaltung in den 90ern

Doch der Erfolg garantierte keine Stabilität. Nach der Eröffnung des riesigen Internationalen Congress Centrums (ICC) in den 1980er Jahren begann man, den Deutschen Presseball an einem neuen Ort abzuhalten. Doch sofort begannen die Probleme. Damenschleppen verfingen sich in den Rolltreppen, was zu zahlreichen Komplikationen und kuriosen Zwischenfällen führte. Tatsächlich war die Eleganz nicht bereit für die Technokratie. Der Glamour blieb jedoch: Unter den Gästen waren Präsidenten, Minister, Stars und Stammgäste der „Gala“-Kolumnen.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 wurde allen klar, dass diese Zeit das Ende des West-Berliner Presseballs bedeuten würde. Journalisten aus Ost-Berlin, die gerade erst dem vereinigten Verband beigetreten waren, teilten solche Sentiments nicht; ihnen lagen die Formate der „Sommerfeste“ näher, wie zu Zeiten der SED und der Zeitung „Neues Deutschland“. Der Versuch, die Ballformate aus West und Ost zu vereinen, scheiterte sofort.

Zum letzten Akkord des Jahrhunderts

Der letzte helle Paukenschlag waren zwei prächtige Abende in der Staatsoper Unter den Linden, die daran erinnerten, was dieser Ball hätte sein können und was er nicht mehr sein würde. Es war ein Finale im Opernstil – schön, laut, ein wenig melancholisch. Die Themen dieser beiden Veranstaltungen waren Italien und Lateinamerika, es kamen zahlreiche ausländische Staatsgäste und Weltstars, darunter Gina Lollobrigida und Antonio Skármeta. Diese Pressebälle bezeichneten Journalisten als würdigen Abschluss einer geliebten Tradition. Mit „würdig“ lagen sie richtig, doch was den „Abschluss“ betraf, so irrten sie sich.

Mikrofone und Manschettenknöpfe

Ab 2009 beschloss der Meister-Innovator Mario Koss, bekannt als Erfinder der „Shape-CD“, Berlin seine gesellschaftliche Tradition zurückzugeben. Er begann, den tief in der West-Berliner Kultur verwurzelten Deutschen Presseball allmählich wiederzubeleben, und es gelang ihm. Die Zeitungen bezeichneten das Jahr 2023 als eine tiefgreifende Wiedergeburt dieses Ereignisses. Damals stand der Berliner Presseball unter dem Motto „Werte der Demokratie“ und distanzierte sich bewusst vom reinen Glamour-Format. Der gesellschaftliche Salon für Auserwählte verwandelte sich in eine offene Plattform für den gesellschaftlichen Dialog, bei der die Hauptstars des Abends nicht Designer und Sponsoren, sondern Journalisten waren.

Das Abendprogramm bestand nicht nur aus Tanz und Cocktails, sondern auch aus Podiumsdiskussionen, Videobotschaften von Reportern aus Krisengebieten und öffentlichen Reden zur Unterstützung der Redefreiheit. Es wurden Geschichten aus der Ukraine, dem Iran und Belarus geteilt. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf den ethischen Grundlagen des Berufs, insbesondere auf der Verantwortung der Medien in Zeiten von Fakes, Bots und politischer Polarisierung. Der Deutsche Presseball 2023 bot eine dezentralisierte, demokratische Atmosphäre und bewies, dass eine Tradition nicht nur bewahrt werden, sondern sich auch entwickeln kann; dass sie nicht nur die Vergangenheit widerspiegeln, sondern auch die Herausforderungen der Gegenwart annehmen kann.

An der Schnittstelle von Glamour und Nachrichten

Im Jahr 2024 feierte der Berliner Presseball sein Jubiläum – 150 Jahre Geschichte, die verschiedene Epochen, Regime, Kriege und Vereinigungen umfasste und dabei die Treue zur Redefreiheit bewahrte. In diesem Jahr kehrte das Fest zu seinen luxuriösesten Traditionen zurück: Das Hotel „Adlon“ am Brandenburger Tor wurde für eine Nacht nicht nur zur Bühne, sondern auch zum lebendigen Symbol des unabhängigen Journalismus. In den Sälen, die sich an Kaiser und berühmte Stars des 20. Jahrhunderts erinnerten, versammelten sich führende Redakteure, Journalisten, Politiker, Kulturschaffende und Geschäftsleute.

Einen Ehrenplatz nahmen die Auftritte der Musiker ein. Doch die größte Aufmerksamkeit zogen nicht die Tänze auf sich, sondern die Reden, die von Reflexionen über die Herausforderungen der Zeit erfüllt waren: Fakes, Druck, Selbstzensur, Verfolgung in autoritären Ländern. Ein Teil der während der Veranstaltung gesammelten Mittel wurde zur Unterstützung von Projekten verwendet, die die Pressefreiheit schützen, insbesondere in Staaten, in denen für die Wahrheit ein zu hoher Preis gezahlt wird. Journalisten schrieben, dass der Jubiläums-Presseball 2024 nicht nur seine Vergangenheit feierte, sondern auch die Zukunft einläutete. In einer Welt, in der Wahrheit zur Ware und Manipulation zur Waffe wird, stellen solche Ereignisse das Vertrauen in die Macht des Wortes wieder her. Und der Presseball, der im 19. Jahrhundert als wohltätige Initiative begann, erinnert uns erneut daran: Demokratie beginnt mit einem ehrlichen Gespräch. Und dieses Gespräch – dauert an.

Quellen:

  1. https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/der-ball-der-baelle-die-lange-geschichte-des-berliner-presseballs-li.305710
  2. https://presseball.de/
  3. https://www.tagesspiegel.de/berlin/150-jahre-berliner-presseball-neuerdings-klein-aber-fein-9165750.html
  4. https://berlingeschichte.de/bms/bmstxt00/0011gesd.htm
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