In Berlin gibt es Cafés, in denen die Zeit stillsteht – nicht, weil der Arabica dort besonders köstlich ist, sondern weil der Raum von etwas erfüllt ist, das über den Geschmack hinausgeht. Es ist der Duft von Erinnerungen, ein wenig Klatsch, ein wenig Poesie, eine Prise Politik und viel Menschlichkeit. All das ist Kaffeeklatsch, ein altes Ritual, das Kriegen, Kapitalismus und TikTok standgehalten hat. Man könnte einfach sagen: Es ist ein Treffen bei Kaffee und Kuchen. Die Deutschen haben ein Wort, das nach Kaffee und hausgemachtem Kuchen duftet – Kaffeeklatsch. Wörtlich übersetzt bedeutet es „Kaffeegeschwätz“, aber in Wirklichkeit ist es viel mehr als nur eine Plauderei bei einer Tasse des Getränks. Es ist ein Ritual der Nähe, sanft und warm wie ein frisch gebackener Strudel. Weiterlesen auf berlinka.info.
Zum Klang von Löffelchen und Stimmen

Kaffeeklatsch ist, wenn Freundinnen oder Verwandte zusammenkommen, um sich zu unterhalten. Manchmal finden solche Treffen in Büros oder Cafés statt, aber der echte Kaffeeklatsch – das ist der, der zu Hause stattfindet, üblicherweise am Sonntag. Die Deutschen machten aus diesem Anlass ein kleines Fest: Es wurde immer eine weiße Tischdecke aufgelegt, das beste Porzellan herausgeholt und duftender, heißer Kaffee sowie Gebäck serviert. Zum Kaffeeklatsch gab es Kekse, hausgemachten Käsekuchen oder Köstlichkeiten aus der Lieblingsbäckerei.
Die Tradition des weiblichen „Kaffeeklatsches“, bei dem Frauen ohne Männer plaudern konnten, entstand im 18. Jahrhundert. Damals tranken Kaffee vorwiegend Damen der oberen und mittleren Schichten. Im Schloss Charlottenburg wurde das Getränk in Porzellantassen mit Goldrand serviert, während es in wohlhabenden Familien in bescheideneren, aber dennoch festlichen Servicesets gereicht wurde. Solche Zusammenkünfte wurden von deutschen Frauen oft in ihren Tagebüchern erwähnt. Beispielsweise notierte die Berliner Lehrerin Hedwig Meyer in ihren Aufzeichnungen von 1794, wie wunderbar sie mit ihren Freundinnen bei Kaffee zusammensaß und sie Annas neue Gedichte lobten.
Kaffeeklatsch als Frauenparlament im 19. Jahrhundert

In einer Zeit, als Männer in Clubs über das Schicksal Europas entschieden, schufen Frauen ihr eigenes Format des Einflusses. In Berlin begannen in den 1840er bis 1860er Jahren Kaffeesalons zu entstehen, in denen die Frauen bei einer Tasse des Getränks nicht nur über Mode, sondern auch über ihre Rechte diskutierten. Es ist bekannt, dass die berühmten Aktivistinnen Clara Zetkin und Luise Otto solche Treffen in Spandau und Moabit sehr schätzten. Der Kaffeeklatsch gab denen eine Stimme, die in der Politik keinen Platz hatten. Wie die Hausfrau Margarete Bauer 1883 in einem Brief schrieb, war es, als sie das erste Mal zusammenkamen, „wie ein Hauch frischer Luft nach langem Schweigen“. Sie sprachen über Brotpreise, über Müdigkeit und Liebe – über sich selbst. Solche Versammlungen im 19. Jahrhundert wurden als Ausdruck der bürgerlichen Frauen- und Mädchenbewegung bezeichnet. Der Berliner Theaterkritiker Rudolf Genée nannte sie in seinem Buch beispielsweise einen „Frauenkranz“. Aber der Begriff „Kränzchen“ hatte sich schon viel früher gebildet und blieb daher unverändert.
Kaffeeklatsch im Jazz-Rhythmus und nach dem Zweiten Weltkrieg

In den 1920er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es in Berlin bereits über 300 Cafés – von aristokratischen bis hin zu Arbeiterlokalen. Im „Café Josty“, wo einst die berühmten Brüder Grimm gerne verkehrten, konnte man Schriftstellerinnen, Künstlerinnen und Dozentinnen sehen. Sie liebten es, den Kaffee mit Gesprächen zu genießen, nur ging es jetzt nicht mehr um Haushaltsangelegenheiten, sondern um Freud, die Revolution und Büstenhalter. In ihrem Tagebuch erwähnte die Berlinerin Frida Gruber, dass sie damals täglich im Café „Kranzler“ Kaffee trank. Zuerst schmiedeten sie mit ihren Freundinnen Pläne, wie sie ihr Leben ohne Männer gestalten könnten, und danach lauschten sie den Dichtern der Stadt. Und diesen bohemischen Kaffeeklatsch nannte sie eine Rettung für die eigene Seele.
Der Zweite Weltkrieg brachte harte Einschnitte mit sich. Doch selbst als Berlin nach 1945 in Trümmern lag, fanden die Frauen Zeit für eine Tasse Kaffee, wobei das Getränk freilich durch Zichorie ersetzt wurde. Man versammelte sich in halb verfallenen Küchen, bei Kerzenschein statt elektrischem Licht, mit Brot ohne Hefe und Kuchen ohne Mehl. Den Kaffeeklatsch jener Zeit bezeichnen Forscher als ein einzigartiges Phänomen. Im Tagebuch der Berlinerin Anna Lemke sind beispielsweise Zeilen erhalten, in denen sie schreibt, sie wisse nicht mehr, was schlimmer sei: der Beschuss oder die Stille. Aber wenn ihre Freundinnen Liesel, Rosa und Ilse zum Kaffeekränzchen mit einem Kuchen aus Zuckerrüben (Rote Bete) kommen, bedeutet das, dass sie alle noch am Leben sind.
Berlin zwischen Kaffee und Wort

Über die Tradition des Kaffeeklatsches in den Jahren Nachkriegsdeutschlands erzählten ältere deutsche Frauen Journalisten viel. Im Oktober 1960 veranstalteten die Berlinerinnen Frau Westhäusler, Frau Scholz und Frau Bastian häufig Kaffeeklatsch in einem Mehrfamilienhaus in Neukölln. Männern war der Zutritt verboten. Der Grund dafür war, dass erst 1958 die Rechte und Pflichten verheirateter Frauen in der Bundesrepublik Deutschland und in West-Berlin gesetzlich überarbeitet wurden. Gemäß diesem Gesetz waren die Damen für die Führung des Haushalts und die Kindererziehung verantwortlich; dies war ihre rechtliche und ausführende Pflicht. Um arbeiten oder Auto fahren zu dürfen, war die Erlaubnis des Ehemannes erforderlich. Daher war der Kaffeeklatsch der einzige Ort, an dem sich die Frauen frei fühlten.
Frau Bastian erinnerte sich, dass während der Kriegsjahre und am Ende des Zweiten Weltkriegs die Kaffeetreffen wichtig für die moralische Unterstützung waren. In ihrem Frauenkreis gab es sogar eine Satzung und ein Buch, in dem Protokolle geführt wurden. Laut Satzung sollte der Kreis jeden Dienstag von 8 bis 11 Uhr morgens stattfinden. Als obligatorisches Requisit galt die „Kreis-Vase“, die gemäß der Satzung mit Blumen der jeweiligen Jahreszeit gefüllt wurde. Es war Pflicht, Nähzeug für Handarbeiten mitzubringen. Die Nichteinhaltung dieser Regel wurde mit einer Geldstrafe von 10 Deutschen Mark geahndet. Und wenn die Gastgeberin nicht das Buch besaß, in das jede „Kreisschwester“ nach dem Treffen einen Eintrag hinterlassen musste, zahlte sie 50 Deutsche Mark.
Als Kaffee zum Lebensformat wurde

Alle Stunden des Kaffeeklatsches im Kreis von Frau Bastian waren nicht nur mit Leckereien, sondern auch mit Handarbeiten und Nähen ausgefüllt. Die Freundinnen erinnerten sich, dass man nicht nur Kaffee, sondern auch Tee wählen konnte, denn in Ost-Berlin blieb Kaffee ein knappes Gut. Berlinerinnen organisierten Kaffeeklatsch auch in Bibliotheken und Kulturhäusern, wo sie Gedichte lasen, Ausstellungen und zahlreiche Lebensprobleme diskutierten. In West-Berlin gab es keine Probleme mit Getränken und Cafés, sodass sich die Frauen dort häufiger trafen.
Nach dem Fall der Berliner Mauer überraschte der Kaffeeklatsch mit neuen Formen: In Kreuzberg eröffneten feministische Cafés, in Neukölln queere Treffpunkte und in Prenzlauer Berg Kunstcafés. Frauen versammelten sich zum Kaffeeklatsch in Berlin, Hannover und Eitorf. Kaffeerunden wurden nun auch mit Liebe assoziiert, so wurden beispielsweise Treffen wie der „Lesbische Kaffeeklatsch“ populär. Beliebt waren auch Formate wie der „Lese-Kaffee am Sonntag“ und „Torten gegen Rassismus“.
Kaffeeklatsch im modernen Berlin

In den 2020er Jahren, einer Zeit, in der die Zeit auf Smartphones pulsiert und sich die Verbindung auf Nachrichten in Messengern reduziert, gibt es in der deutschen Hauptstadt Cafés, die alte Traditionen pflegen. Manche haben sogar ihre eigenen begründet. Im „Café Einstein Stammhaus“ beispielsweise wird das Getränk in silbernem Geschirr serviert, im „Isla Coffee“ gibt es Bücher und ein veganes Menü, und „Frau Zeller’s Wohnzimmer“ ist praktisch in ein Wohnzimmer im Stil des frühen letzten Jahrhunderts verwandelt worden, mit einer Nähmaschine in der Ecke. Doch all diese Einrichtungen verbindet die Atmosphäre der Gemütlichkeit, der Duft von Kaffee, freudige Begegnungen und Umarmungen und der Geschmack herrlicher Kuchen. Und unweigerlich gehört dazu die Frage, wie das Leben so spielt, und der Austausch interessanter Neuigkeiten über das Leben von Familie und Freunden.
Manche vergleichen den deutschen Kaffeeklatsch mit dem britischen Fünf-Uhr-Tee, doch diese Ähnlichkeit trügt auf den ersten Blick. Ja, bei beiden Ritualen geht es um ein Getränk und Konversation, aber es gibt einen großen Unterschied zwischen ihnen, vor allem in der Atmosphäre. Der Tee in Großbritannien ist beinahe eine Inszenierung: gleiche Tassen, sorgfältig formulierte Phrasen, höfliche Zurückhaltung. Beim Kaffeeklatsch ist das anders; es ist mehr Gespräch als Bewirtung, ein Zusammenkommen von Frauen, die einander etwas zu erzählen haben. Wenn die britische Teestunde eine soziale Fassade ist, dann ist der Kaffeeklatsch ein intimer Raum des Vertrauens. Es ist daher nicht überraschend, dass Berlin, als eine Stadt, die ständig auf der Grenze zwischen alt und neu balanciert, dieses wundervolle Ritual lieben gelernt hat und es über Jahrhunderte hinweg sorgfältig bewahrt.
Quellen: