Wilhelm Stern, ein Berliner Psychologe, gilt als Erfinder des Intelligenzquotienten. Er erforschte die Sprachentwicklung in der frühen Kindheit und leistete bahnbrechende Arbeit auf dem Gebiet der Diagnostik von Fähigkeiten und Talenten. Stern setzte sich aktiv für die Gründung der Universität Hamburg ein. Weniger bekannt ist, dass er 1905 den Begriff „Übersetzer“ einführte, um Psychologen zu beschreiben, die ihre persönlichen Meinungen und Vorurteile als wissenschaftliche Erkenntnisse verkauften. Mehr über Wilhelm Sterns Biografie finden Sie auf berlinka.info.
Studium und wissenschaftliche Anfänge in Berlin

Wilhelm Louis Stern wurde am 29. April 1871 in Berlin als einziges Kind von Rosa und Siegmund Stern geboren, einer assimilierten jüdischen Familie. 1893 promovierte er an der Berliner Universität unter der Betreuung von Hermann Ebbinghaus.
Stern heiratete Clara Josefy, die Tochter einer wohlhabenden Berliner Familie, mit der er drei Kinder hatte: Hilde, Günther und Eva. Die Tagebücher, die er und seine Frau zwischen 1900 und 1918 sorgfältig führten, sind heute eine bedeutende Quelle für die Entwicklungspsychologie.
1904 gehörte Stern zu den Gründern der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Gemeinsam mit Otto Lipmann gründete er 1906 das „Institut für angewandte Psychologie und kollektive psychologische Forschung“. Ein Jahr später veröffentlichten sie die erste Ausgabe der Zeitschrift Journal of Applied Psychology, deren Herausgeber Stern ebenfalls war.
Entwicklung der Kinderpsychologie

Während seiner Tätigkeit an der Pädagogischen Fakultät in Breslau beschäftigte sich Stern intensiv mit der Kinderpsychologie. Er verfasste Werke wie „Kindersprache“, „Erinnerungen, Aussagen und Lügen in der frühen Kindheit“ und „Psychologie des frühen Kindesalters“.
Stern war außerdem ein Pionier bei der Entwicklung wissenschaftlicher Methoden zur Überprüfung der Aussagekraft von Zeugenaussagen. 1903 wurde er der erste Gerichtsgutachter in Deutschland und arbeitete später häufig für die Justiz.
Er stand der Psychoanalyse Freuds kritisch gegenüber. 1913 veröffentlichte er „Warnung vor den Zumutungen der Psychoanalyse für die Jugend“ und äußerte sich kritisch in Fachzeitschriften. 1909 erhielten Freud, Carl Gustav Jung und Stern Ehrendoktorwürden der Clark University. Obwohl sie sich 1928 auf einem Kongress in Wien erneut trafen, blieb die Gegnerschaft zwischen ihnen bestehen.
Der Intelligenzquotient (IQ)

1911 begründete Stern mit seinem gleichnamigen Lehrbuch die Differenzielle Psychologie. Besonders interessiert war er an der Intelligenzforschung, wobei er sich auf Testverfahren stützte, die hauptsächlich von Alfred Binet entwickelt wurden. 1912 schlug Stern eine neue Methode zur Berechnung des Intelligenzniveaus von Kindern vor, die sich von Binets Ansatz unterschied, und führte dabei den Begriff „Intelligenzquotient“ ein. Dieser Begriff setzte sich in den folgenden Jahren durch und wurde als „IQ“ einer der bekanntesten Begriffe der Psychologie.
Stern lehnte ein Angebot der Berliner Universität ab, da dieses mit einem Übertritt zum Christentum verbunden war. Als 1918 viele Studenten aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrten, gründete Stern zusammen mit anderen Professoren des Kolonialinstituts Hamburg private Hochschulkurse. Diese waren so erfolgreich, dass 1919 die Universität Hamburg gegründet wurde.
Emigration und Exil
1933 floh die Familie Stern nach einer Warnung ihres Sohnes Günther vor der Bedrohung durch den nationalsozialistischen Antisemitismus in die Niederlande. Von dort aus setzten sie ihre wissenschaftliche Arbeit fort.