Die Geschichte der Berliner Mode und die „Judenfrage“ – wie sie zusammenhängen

Bis 1933 wurden die wichtigsten Modehäuser in Deutschland von Juden geführt. Die Nationalsozialisten zerstörten diese Industrie und Kultur. Jetzt widmet sich erstmals eine Ausstellung diesem Thema. Über die Entwicklung der Berliner Mode während der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland lesen Sie auf berlinka.info.

„Brennende Stoffe“

Viele Menschen in Berlin fragen sich, warum es um die deutsche Mode nicht besser steht, warum die Hauptstadt Deutschlands nicht Paris oder London gleicht. Der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg werden oft als mögliche Gründe genannt. Doch wie genau sie die Modekultur beeinflussten, ist kaum bekannt. Eine erste Ausstellung widmet sich nun diesem Thema. Sie ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts der Humboldt-Universität zu Berlin unter dem Titel „Brennende Stoffe. Deutsche Mode von jüdischen Bekleidungsherstellern am Hausvogteiplatz“. Es geht um jene, die Berlin einst zu einem weltberühmten Modezentrum machten. Mithilfe zahlreicher Fotografien erzählt die Ausstellung eine fesselnde Geschichte über Glanz und Leid dieser Stadt, über wirtschaftlichen Aufschwung und Niedergang, soziale Konflikte und den politischen Machtkampf, an dessen Ende Tonnen von Stoffen in Flammen aufgingen.

Dass die Berliner Mode von jüdischen Berlinern geprägt wurde – zeitweise waren bis zu 90 Prozent der Bekleidungsunternehmen in jüdischer Hand – wurde ab 1933 zum Problem. Die Nationalsozialisten hetzten gegen jüdische Kaufhäuser und gründeten die Arbeitsgemeinschaft deutscher-arischer Bekleidungshersteller (Adefa), um den jüdischen Einfluss aus der deutschen Bekleidungsindustrie zu verdrängen.

Der Beginn der Pogrome

Ab 1935 war es Bekleidungsproduzenten jüdischer Herkunft verboten, in Zeitschriften zu werben. 1938 hetzte die Propagandazeitschrift Der Stürmer gegen jüdische Kaufhäuser. Sie verbreitete beispielsweise die Geschichte des Kaufmanns Nathan Israel, der 1815 in Berlin einen kleinen Trödelladen eröffnete. Die Waren seien angeblich im „typischen jüdischen Stil“ überteuert verkauft worden. Noch im selben Jahr führten die Novemberpogrome zu Übergriffen, die auch die Modeindustrie betrafen.

Jugendliche in Arbeitskleidung und Uniformen stürmten Textilbetriebe, warfen Stoffballen, Kleidung und Pelze aus den Fenstern und verbrannten sie am Hausvogteiplatz. Anders als das symbolische Bücherverbrennen ist dieser Akt weitgehend in Vergessenheit geraten. Doch hier verbrannte ein Stück Kultur. Die Geschichte der jüdischen Mode endete mit einer letzten, grausamen Wendung: Häftlinge im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau produzierten Kleidung für den Export.

Die Nachkriegszeit: Ein Neuanfang?

Nach dem Krieg gab es Versuche, an die großen Modeepochen anzuknüpfen. In den 1950er-Jahren kleideten Designer wie Uli Richter und Heinz Oestergaard das wirtschaftliche Wunder West-Berlins auf dem Kurfürstendamm ein. In der DDR der 1970er-Jahre entwickelte das Unternehmen „Exquisit“ Kleidung für Margot Honecker. In den 1980er-Jahren machte die junge Designerin Claudia Skoda auf sich aufmerksam. Nach der Wiedervereinigung erlebte Berlin eine kurze Euphorie, die einige erfolgreiche Marken wie Lala Berlin hervorbrachte. Doch die Stadt konnte sich nicht als Mode-Metropole etablieren.

Seit 2015 setzt sich der Deutsche Mode-Rat für die Förderung der deutschen Mode ein. Der Berlin Mode Salon im Kronprinzenpalais präsentiert während der Fashion Week überzeugende Designs. Die Infrastruktur entwickelt sich weiter, und die deutsche Mode hat gute Chancen, international Anerkennung zu finden. Der Preis dafür ist offensichtlich: die Erinnerung an ihr modisches Erbe.

Die Ausstellung „Brennende Stoffe“ findet in einer Zeit statt, in der der Antisemitismus in Deutschland wieder zunimmt. Die Schirmherrin des Projekts, Bundesjustizministerin Katarina Barley, betonte in ihrer Eröffnungsrede, wie wichtig das Gedenken an die vertriebenen und ermordeten Juden ist. Nur so kann die Berliner Mode auf ihrer reichen Geschichte aufbauen und muss nicht bei null anfangen.

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