Die Geschichte der Berliner Mode im frühen 20. Jahrhundert – die kommerzielle Adaption der Pariser Couture

So komplex die Geschichte der Berliner Mode auch ist, ihr Erfolg basierte auf einem einfachen Konzept: Prêt-à-porter. Fertige Kleidungsstücke, genäht nach festgelegten Modellen, in großen Mengen und standardisierten Größen, Kleidung „außergewöhnlich“, wie es einer der ersten Produzenten, Valentin Manheimer, beschrieb. Er eröffnete 1836 sein Geschäft am Hausvogteiplatz, wurde zum „Berliner Mantelkönig“ und exportierte seine Ware schließlich bis nach New York. Mehr über die Geschichte der Berliner Mode im frühen 20. Jahrhundert erfahren Sie auf berlinka.info.

Deutsche industrielle Fleißarbeit

Der Grund, warum die ersten Bekleidungshersteller in Berlin – wie Manheimer, Hermann Gerson und Nathan Israel – jüdisch waren, ist einfach: Nach dem sogenannten Emanzipationsedikt von 1812 durften Juden eigene Unternehmen gründen, vor allem im Textilhandel. Bereits zuvor handelten sie mit Secondhand-Kleidung und hatten umfassendes Wissen über Stoffe und Schneidetechniken erworben. Als Unternehmer entwarfen sie die Designs und ließen die Produktion auslagern. Zuschneider erledigten den Schnitt, und sogenannte „Heimnäherinnen“ fertigten die Kleidung auf eigenen Nähmaschinen.

Das Ergebnis dieses Ansatzes: Auf dem Höhepunkt beschäftigten etwa 800 Unternehmen rund 150.000 Menschen. Wie das Magazin Confectionair im Jahr 1900 stolz verkündete, trugen diese Arbeiterinnen und Arbeiter „den Ruf deutscher Arbeit und deutschen Fleißes in die entferntesten Länder der Welt“. Das Modegeschäft war der drittgrößte Wirtschaftssektor Berlins, nach dem Maschinenbau und der Elektrotechnik.

Alles für die weibliche Käuferin

Von Anfang an konzentrierte sich der Berliner Bekleidungsmarkt auf weibliche Kundschaft – eine Besonderheit, denn fertige Herrenmode war in Deutschland bereits nach englischem und amerikanischem Vorbild erhältlich. Frauen hingegen importierten nach wie vor teure Einzelstücke aus Paris oder nähten ihre Kleidung selbst.

Das berücksichtigende Modegewerbe reagierte schnell, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein neuer Frauentyp aufkam, insbesondere mit Berlins Aufstieg zur Metropole der Angestellten. Es handelte sich um unverheiratete, kinderlose Frauen mit eigenem Einkommen, die konsumfreudig und freizeitorientiert waren. Alternativ dazu nähten Heimnäherinnen Kostüme und Ballkleider für Frauen, die weiterhin individuelle Lösungen bevorzugten. Diese Heimarbeiterinnen waren jedoch weder sozial abgesichert noch sichtbar: Sie arbeiteten unter ausbeuterischen Bedingungen, wie heute Textilarbeiterinnen in Bangladesch.

„Berliner Chic?“

Die Berliner Modeindustrie errichtete keine Fabriken wie AEG oder Siemens; sie präsentierte nur das fertige Produkt. Dieses wurde luxuriös in den Schaufenstern und Hallen der größten Kaufhäuser Europas – „Israel“ und „Herzog“ – ausgestellt. Auf städtischen Bühnen, bei Modenschauen im Revuestil, traten Stars wie Greta Garbo und Marlene Dietrich als Markenbotschafterinnen auf. Ihr Stil wurde begeistert von Berlinerinnen kopiert: agilen, schlanken Stadtfrauen, die selbstbewusst und schick in ihrer Kleidung auftraten.

Trotz der engen Verbindungen zu anderen urbanen Kulturdisziplinen gelang es der Berliner Mode nicht, sich von Paris als stilbildendem Einfluss zu lösen. Was sich in den 1920er-Jahren als „Berliner Chic“ etablierte, war letztlich nichts anderes als eine kommerzielle Berliner Adaption der Pariser Couture. Berliner Modemacher reisten regelmäßig nach Paris, um Shows zu besuchen. Der 1918 gegründete Verband der deutschen Modeindustrie änderte daran wenig, obwohl er die zweimal jährlich stattfindende Berliner Modewoche ins Leben rief.

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