Kloster des Guten Hirten in der Malteserstraße: Vom Strafanstalt zur Oase der Ruhe

Berlin wird meist mit Nachtleben, Politik oder Künstler-Squats assoziiert, weshalb längst nicht alle wissen, dass in der Stadt auch ein reiches geistliches Leben pulsiert. In der Hauptstadt gibt es über 20 Frauenklöster verschiedener katholischer und protestantischer Orden. Eines der interessantesten ist das Kloster vom Guten Hirten in Marienfelde, wo Gebet, Bildung und soziale Arbeit seit Jahrzehnten miteinander verbunden werden. Mehr dazu auf berlinka.info.

In der belebten Malteserstraße kann dieser unscheinbare Eingang zu einer anderen Welt leicht übersehen werden. Hinter dem Tor öffnet sich ein roter Backsteinbau mit Zinnen, der eher an ein Märchenschloss als an ein Kloster erinnert. Weiter hinten befindet sich ein kleiner, von schattigen Bäumen umgebener Teich. Bei Hitze ist dieser Ort eine wahre Rettung, und am Wasser empfängt die Gäste ein steinerner Otter, der die hiesige Ruhe scheinbar schon seit Urzeiten bewacht.

Erste Schritte

Das Kloster vom Guten Hirten in der Malteserstraße wurde von 1903 bis 1905 nach den Plänen des Kölner Architekten Joseph Lückerath erbaut. Dort ließen sich die Schwestern der katholischen Kongregation Unserer Lieben Frau von der Barmherzigkeit vom Guten Hirten nieder – ein Orden mit einer jahrhundertealten Geschichte. Der Name des Klosters leitet sich vom geistlichen Bild Jesu als dem Guten Hirten ab, das in der christlichen Tradition Fürsorge, Schutz und Führung für die Menschen symbolisiert. Die Nonnen wählten diese Bezeichnung, um ihre Mission zu unterstreichen: sich um jene zu kümmern, die Hilfe benötigen, geistlich zu führen und moralisch sowie sozial zu unterstützen. 

Das Kloster vom Guten Hirten nahm Mädchen und junge Frauen auf, die von der Gesellschaft als „verirrt“ oder „von moralischem Fehlverhalten bedroht“ angesehen wurden. Dazu gehörten jene, die ihre Familie verlassen hatten, sich in schwierigen Lebensumständen befanden, nicht arbeiten wollten oder kompromittierende Beziehungen zu Männern hatten. Das Ziel des Klosters war keine Bestrafung im modernen Sinne, doch die Mädchen wurden unter strenge Aufsicht gestellt: Sie arbeiteten in der Bäckerei, der Wäscherei und auf den Feldern, und ihr Leben unterlag strengen Regeln. Zunächst richteten die Schwestern eine Filiale in Charlottenburg ein, entschieden sich aber dann für einen Umzug auf die noch freien Felder Marienfeldes – fernab der Versuchungen und des „schädlichen Einflusses“ der Großstadt.

Verirrte und Erwählte

Hinter den Klostermauern in Charlottenburg versammelten sich über 400 Mädchen und Frauen, die hauptsächlich auf den Feldern und in den Gärten arbeiteten, welche sich bis zur Marienfelder Allee und der Hildburghauser Straße erstreckten. Doch die Zahl der Nonnen wuchs von Jahr zu Jahr, sodass ein größeres Gebäude benötigt wurde. Der Grundstein für den Neubau wurde am 28. Oktober 1903 gelegt, und bereits am 8. Februar 1905 erfolgte der feierliche Einzug und Umzug.

Die Geschichte des Klosters war nicht unbeschwert. Im Jahr 1914 wurde es in ein Militärkrankenhaus umgewandelt – während des Ersten Weltkriegs wurden dort 1700 Verwundete aufgenommen. Das gleiche Schicksal ereilte das Gebäude auch in den Jahren des Zweiten Weltkriegs. Nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands lebte das Kloster noch einige Zeit nach den alten Traditionen weiter. Im Jahr 1958 erwarb jedoch das Bistum Berlin das Gelände, und ein Teil der Fläche wurde für den Wohnungsbau freigegeben. So gerieten die Sakralbauten inmitten moderner Häuser. Und im Jahr 1967 löste der Orden das Kloster in Marienfelde gänzlich auf.

Besonderheiten der Originalarchitektur

Die Anlage des Klosters vom Guten Hirten war, wie seine Geschichte, ungewöhnlich. Forscher stellten fest, dass der Architekt des Projekts einige Prinzipien aus der Gefängnisarchitektur des 19. Jahrhunderts übernahm. Dennoch blieb ein wichtiger Unterschied erhalten: Im Zentrum des sternförmigen Komplexes wurde nicht der Wachturm, sondern die Klosterkirche platziert. Von ihrem siebeneckigen Chor mit Zeltdach und Glockenturm strahlten, wie Lichtstrahlen, vier Schiffe aus, die in massiven Wohnflügeln endeten.

Der rote Backstein der Gebäude wurde mit gotischen Details verziert: spitze Bogenfenster zwischen Strebepfeilern, große helle Öffnungen und oben eine zinnenbewehrte Brüstung, die den Bau einer Festung ähneln ließ. Zwischen den Flügeln befanden sich Veranden mit einem schönen Blick auf den Garten. Dabei waren die Bedingungen für die Nonnen weit entfernt von einer Idylle. Jede wohnte in einer Einzelzelle, die Innenhöfe wurden von hohen Mauern umgeben, und die bogenförmigen Übergänge zur Kirche waren sogar vergittert, um jeglichen Kontakt mit Laien zu verhindern. In jedem Schiff war ein eigener Kreuzweg angelegt, und in den von Säulen getragenen Galerien herrschte der strenge Rhythmus des Klosterlebens. Die Architektur erinnerte die Nonnen daran: Dies ist ein Raum nicht der Freiheit, sondern der Disziplin und Buße, wenngleich eingehüllt in die malerischen Formen der Neugotik.

Von der Stille zum Wandel

Nach der Auflösung des Klosters vom Guten Hirten blieben seine majestätischen Mauern nicht leer. Dort wurden verschiedene Einrichtungen untergebracht: Sozialdienste, Krankenhausabteilungen, Kindergärten, Büros, in denen alltägliche administrative Angelegenheiten gelöst wurden. Ein Teil der Gebäude wurde in Wohnheime und Wohnungen umgewandelt, während die ehemaligen Klosterhöfe und Gärten allmählich für Parkplätze und eingezäunte Bereiche neuer Wohnkomplexe freigegeben wurden. Und erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde ein Teil der Bauten als Kloster für Nonnen wiederhergestellt. Die Schwestern kehrten in die alten Wohnflügel und in die Kapelle zurück, während der Rest des Geländes den Laien überlassen blieb. Es entstand eine einzigartige Mischung aus Vergangenheit und Moderne.

Die Werte des Klosters aus rotem Backstein

Als wahre Perle des Gebäudes sind die Buntglasfenster erhalten geblieben, die bereits im Jahr 1905 von den Meistern der Kölner Firma „Schneider & Schmolz“ geschaffen wurden. Die Kunstwerke beeindrucken durch ihre künstlerische Perfektion: Der untere Teil erweckt Szenen aus dem Alten Testament zum Leben, während unter dem gotischen Baldachin Ereignisse aus dem Neuen Testament zu sehen sind. Die Anordnung der Bilder ist bis ins kleinste Detail durchdacht und unterstreicht die Einheit der Erzählungen. Auch im 21. Jahrhundert faszinieren sie Besucher weiterhin mit ihrer Tiefe und Schönheit. Als nicht weniger wertvolles Artefakt gilt die Orgel der Firma „Fleitner“ aus Münster, die bereits 1888 für die Charlottenburger Filiale des Ordens gebaut und nach Marienfelde verbracht wurde. Ihre helle Stimme erfüllt die Kapelle und schafft eine mystische Atmosphäre, die in jene Zeiten zurückversetzt, als das Kloster abseits der Laien von Gebet, Gesang und Arbeit lebte. 

Legenden des alten Klosters

An diesem Ort flüstert die Geschichte aus den Mauern. Die Menschen erzählten, dass die Glocke des Klosters während beider Weltkriege dreimal läutete, als ob ein unsichtbarer Wächter vor Gefahr warnte oder die Ankunft von Verwundeten im Krankenhaus meldete. Die Anwohner erinnern sich oft an diese rätselhaften Ereignisse, und Archivdokumente bestätigen: Die Glocke spielte in Zeiten des Chaos tatsächlich eine besondere Rolle.

Ein weiteres Geheimnis verbirgt sich unter der Erde – enge unterirdische Gänge, durch die, laut Archivbeschreibungen, während des Zweiten Weltkriegs heimlich Lebensmittel und Vorräte transportiert wurden. Obwohl diese Gänge nie erforscht werden konnten, lebt das Rätsel weiter. Auch der Klostergarten und der Teich haben ihre Legenden. Patienten des Krankenhauses, die während der Kriege im Kloster behandelt wurden, erinnerten sich an eine besondere Stille, die zur schnelleren Genesung beitrug. Im 21. Jahrhundert leben all diese Legenden neben der Realität, und es scheint, als würde die Vergangenheit diese Oase der Ruhe inmitten des städtischen Trubels weiterhin beschützen.

Stille, Glocken und Besucher

Das moderne Kloster unterscheidet sich von dem, was einst gegründet wurde. Es erzieht und kontrolliert die Nonnen nicht mehr, sondern dient einem geistlichen Zweck. Es gehört dem katholischen Orden der Schwestern Christi, die beten und der Stadtgemeinde helfen. Außerdem empfangen sie, allerdings sehr begrenzt und nach vorheriger Anmeldung, Exkursionsteilnehmer aus verschiedenen Städten und Ländern. Bei den Besuchen werden den Gästen die zentrale Kirche mit der Fleitner-Orgel und den wertvollen Schneider & Schmolz-Buntglasfenstern gezeigt, sowie die einzigartige sternförmige Anlage des Klosters und die gotischen Elemente der Fassaden.

Darüber hinaus können die Exkursionsteilnehmer durch den Garten oder zum Klosterteich spazieren, etwas über die historischen unterirdischen Gänge erfahren und Legenden lauschen, die Atmosphäre der Ruhe und Geschichte spüren, die den gesamten Komplex durchdringt. Das moderne Kloster vereint Vergangenheit und Gegenwart und schenkt Berlinern und Gästen einen Ort der Besinnung, der Ruhe und der Begegnung mit der Geschichte. Die einzigartige Architektur, Kunst und die Legenden machen das Kloster vom Guten Hirten zu einem wichtigen Symbol Berlins, das im 21. Jahrhundert geschätzt und bewahrt wird.

Quellen:

  1. https://www.in-berlin-brandenburg.com/Sehenswuerdigkeiten/Sakralbauten/Kirchen/Kloster-Guten-Hirten.html
  2. https://denkmaldatenbank.berlin.de/daobj.php?obj_dok_nr=09075161
  3. https://www.staedte-klamotten.com/594-0-Kloster-Vom-Guten-Hirten.html
  4. https://www.abebooks.de/manuskripte-papierantiquitaeten/Ansichtskarte-Berlin-Marienfelde-Kloster-guten-Hirten/31481521878/bd?srsltid=AfmBOor9laB2f0il9sAGSCv39pBASeBRRsn7z3sSeDSO8aK5L4oA9nRD
  5. https://www.berlin.de/ba-tempelhof-schoeneberg/aktuelles/veranstaltungen/800-jahre-marienfelde/artikel.1152643.php
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