Warum man Berlinerinnen nicht „Fräulein“ nennen sollte

In jedem Land gibt es eigene Anredeformen für Männer und Frauen. Nachdem in der Ukraine die sowjetischen Varianten „Товариш“ und „Товаришка“ (Genosse/Genossin) in Vergessenheit gerieten, gewöhnten sich die Menschen wieder an die alten „Pan“, „Pani“ und „Panjanka“ (Herr, Frau, Fräulein), wie es noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts üblich war. In Deutschland ist das anders. In vielen sowjetischen Filmen über den Zweiten Weltkrieg konnte man „Herr“, „Frau“ und „Fräulein“ hören. Viele Ukrainer übernahmen dieses Prinzip. Doch im 21. Jahrhundert erkennen die Deutschen eine andere Anrede an. Mehr dazu auf berlinka.info.

Geschichte eines Wortes

 

Berlin war im Vergleich zu vielen anderen Regionen Deutschlands schon immer eine offenere, modernere und politisch progressivere Stadt. Dort liegt ein stärkerer Akzent auf Gleichstellung der Geschlechter und politischer Korrektheit, weshalb alte Anreden als beleidigend empfunden werden können. In weniger urbanisierten Regionen oder im Süden des Landes wird das Wort „Fräulein“ manchmal noch in einem scherzhaften oder nostalgischen Kontext verwendet und dort gelassener aufgenommen. In der Hauptstadt jedoch muss man im Umgang besonders vorsichtig sein.

Dabei war die Situation im letzten Jahrhundert noch ganz anders. Damals berücksichtigte man im Gespräch mit Frauen unbedingt ihren Familienstand: „Frau“ wurde nur für verheiratete Frauen und Witwen verwendet, während „Fräulein“ für unverheiratete Frauen galt. Blickt man ins Mittelalter zurück, wurden Männer als „fro“ und Frauen als „frowe“ bezeichnet. Allmählich verschwand das männliche „fro“ aus dem Gebrauch und wich „Herr“, während sich „frowe“ zu „Frau“ wandelte. Es gab auch die Anreden „weib“ und „frau“, die zunächst als gleichwertig galten, sich aber später dazu entwickelten, die sozialen Schichten der Gesellschaft abzugrenzen.

Die Evolution der weiblichen Anrede: Frau oder Fräulein?

Im 17. Jahrhundert begann man, „Frau“ für Deutsche von adliger Herkunft zu verwenden, während „Weib“ für Vertreterinnen des einfachen Volkes wie Ehefrauen von Krämern, Handwerkern oder Dienstmägden bestimmt war. Im 18. Jahrhundert kamen unter dem Einfluss der französischen Kultur neue Varianten auf: „Dame“, „Madam“ und „Mamzel“. Doch bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Popularität dieser Wörter aufgrund der Napoleonischen Feldzüge und der wachsenden Frankophobie stark ab. Bis zum 21. Jahrhundert haben es nur „Dame“ und das vereinzelte, scherzhafte und etwas geziertes „Madam“ geschafft, während „Mamzel“ endgültig verschwand. Übrigens war die Situation im zaristischen Russland, zu dem damals die Ukraine gehörte, ähnlich. Erst nach der Revolution von 1917 reagierten alle weiblichen Vertreterinnen auf „Genossin“ („Товаришка“). In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der Sowjetzeit, wurden die Anreden „Frau“ („Жінка“) oder „Mädchen“ („Дівчина“) gebräuchlich.

Im 18. Jahrhundert wurden junge deutsche Männer adliger Herkunft mit „Junker“ angesprochen, doch mit dem Fall der Monarchie zu Beginn des 20. Jahrhunderts verschwand diese Anrede und wich der allgemeinen Variante „Herr“. Im Übrigen wurde die deutsche Sprache stark durch die französische Unterscheidung in „Madame“ und „Mademoiselle“ beeinflusst. Analog dazu wurde die Anrede „Frau“ auf alle verheirateten Frauen angewandt, unabhängig von ihrer Herkunft, während „Fräulein“ für unverheiratete Frauen galt. Ebenso für junge Frauen in Berufen wie Verkäuferinnen, Kellnerinnen, Kindermädchen und Sekretärinnen. In der deutschen Literatur der 1920er und 1930er Jahre des 20. Jahrhunderts findet sich sogar das Wort „Tippfräulein“ – so nannte man die Mädchen, die auf Schreibmaschinen tippten.

Die Ära „Fräulein“ in Berlin

Mit der Entwicklung der Industrie Ende des 19. Jahrhunderts entstanden „Frauenberufe“, doch durften diese ausschließlich von Mädchen oder jungen Frauen ohne eigene Familie und Kinder ausgeübt werden. Daher wurde das aristokratische „Fräulein“ mit Berufen wie Telefonistin (Fräulein vom Amt), Krankenschwester, Näherin, Hutmacherin, Verkäuferin, Kellnerin, Lehrerin und später Sekretärin oder Stewardess assoziiert. Diese Anrede wurde allmählich zum Synonym für berufliche Tätigkeit und den Status einer „alten Jungfer“, da es vielen Frauen in schwierigen Zeiten nicht gelang, eine eigene Familie zu gründen.

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs löste das Wort „Fräulein“ eine Welle der Kritik unter den Berlinerinnen aus. Erstens spielte es auf einen niedrigen sozialen Status oder ein unverheiratetes Privatleben an. Zweitens war das Wort sächlichen Geschlechts, was in keiner Weise der Bezeichnung der charmanten Hälfte der Menschheit entsprach. Und schließlich sahen die Deutschen im verniedlichenden Suffix „-lein“ Leichtsinn und Geringschätzung. Offiziell wurden die Beschwerden der empörten Damen ab 1950 geprüft, als beim Bundesinnenministerium der BRD eine spezielle „Frauenabteilung“ – das „Frauenreferat“ – eingerichtet wurde. Dort wurden Beschwerden gegen die Anrede „Fräulein“ entgegengenommen, lange bevor die Regierung einen Ministererlass zur Einschränkung der Verwendung dieses Wortes in der Amtssprache und im Schriftverkehr herausgab.

Schlagkräftige Argumente „dagegen“

Schon vor der offiziellen Entscheidung forderten Feministinnen aktiv die Abschaffung der veralteten und ihrer Meinung nach äußerst demütigenden Anrede „Fräulein“. Sie erklärten dies damit, dass es kein männliches Analogon für junge Männer in der deutschen Sprache gab. Unabhängig davon, ob sie verheiratet waren oder nicht, wurden Männer immer gleich angesprochen – „Herr“. Die bekannte Berliner Linguistin Friederike Braun hielt dies für eine enorme sprachliche Ungerechtigkeit.

Sie war auch die Erste, die verkündete, dass das verniedlichende Suffix „-lein“ angeblich die Unreife und Minderwertigkeit der Mädchen unterstreiche. Und darin, dass das Wort auch noch sächliches Geschlecht hatte, sahen die Emanzipatorinnen eine künstliche Herabsetzung der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Doch damit waren die Probleme nicht beendet. Feministinnen waren der Ansicht, dass eine solche Bestimmung des Status einer Frau – verheiratet oder unverheiratet – mithilfe der Anredeform einen Eingriff in ihr Privatleben darstellte. Es stellte sich heraus, dass ein Mädchen unter solchen Bedingungen nicht nur auf einen Heiratsantrag warten, sondern diesem auch zustimmen musste, um offiziell ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu werden. Und das war absolut inakzeptabel.

Das Wort, das das Leben veränderte

Nach der Verabschiedung des Regierungsdekrets von 1972, das die Verwendung von „Fräulein“ in offiziellen Dokumenten formell verbot, mussten die Anhängerinnen der Gleichheit noch mehrere Jahrzehnte kämpfen, damit sich die neue Regel im Alltag durchsetzte. Im Jahr 1993 unterstützte die deutsche UNESCO-Abteilung offiziell die sprachliche Symmetrie. Und nach einer Umfrage im Jahr 2008 gehörte das Wort „Fräulein“ endgültig der Vergangenheit an, und zwar nicht nur in offiziellen Institutionen und Dokumenten, sondern auch in der alltäglichen Kommunikation.

Fräulein im 21. Jahrhundert

Im modernen Deutschland arbeiten Frauen weiterhin in denselben Berufen wie früher, aber es wird nicht mehr empfohlen, sie „Frau“ und schon gar nicht „Fräulein“ zu nennen. Die Regel besagt, dass sich ein Fremder selbst vorstellen und den Namen der Gesprächspartnerin erfragen sollte. Etwas komplizierter ist die Situation bei Kellnerinnen und Verkäuferinnen. Während ein männlicher Kellner normalerweise mit „Herr Ober“ angeredet wird, was „der Höherrangige“ bedeutet, ist diese Form für eine Frau ungeeignet. „Frau Oberin“ wird nur für die Äbtissin eines Frauenklosters verwendet. Etwas einfacher ist es, wenn die Kellnerin oder Verkäuferin ein Namensschild trägt. Wenn nicht, ist es am angemessensten, sich auf ein formelles „Hallo!“ zu beschränken oder die gewünschte Frage direkt zu stellen. Ohne Anrede.

Allerdings erwies sich das endgültige Vergessen des Wortes „Fräulein“ in der Praxis als viel schwieriger, als man hätte erwarten können. In den 2010er Jahren wurde es noch in ironischen oder nostalgischen Kontexten verwendet. Zum Beispiel auf dem Schild eines Friseursalons, wenn sich die Besitzerin so nannte, wie sie es einst gewohnt war. Auch wurde die Anrede „Fräulein“ manchmal von Eltern verwendet, wenn sie sich an unartige kleine Mädchen wandten, um einen Hauch von Strenge hinzuzufügen. Aber es ist unangebracht, ein fremdes 10-jähriges Mädchen als „Fräulein“ zu bezeichnen, ganz zu schweigen von „Frau“.

Aber es gibt Nuancen

Trotz jahrzehntelanger Kämpfe der Feministinnen für das Verschwinden des Wortes „Fräulein“ kehrte die Vergangenheit manchmal selbst in unerwarteten Situationen zurück. Zum Beispiel konnte man zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Formular zur Eingabe von Passagierdaten der irischen Fluggesellschaft Ryanair noch zwischen „Frau“ und „Fräulein“ wählen – entsprechend dem Status. Der Grund war rein technischer Natur: Das Unternehmen hatte eine einzige europäische Website, und eine Anpassung an die sprachlichen Besonderheiten jedes Landes wäre zu teuer gewesen. Daher wurde das englische „Miss“ mit „Fräulein“ übersetzt. Später wurde dieser Fehler jedoch korrigiert. Die einst übliche Anrede ist größtenteils nur in der Geschichte und in ironischen Kontexten geblieben. Und das Muster „Frau oder Fräulein“ muss unbedingt von allen beachtet werden, die zum ersten Mal nach Deutschland reisen. Und besonders nach Berlin.

Quellen:

  1. https://turist.delfi.ee/statja/89166613/pochemu-nemok-nelzya-nazyvat-froylyayn
  2. https://nwm.at/vse-ob-avstrii/nravy-i-obychai/otkuda-poyavilis-froylyayn-i-kuda-oni-ischezli
  3. https://www.soroptimist.de/home/bewusst-machen/bewusst-machen-detail/gruss-zum-jahresbeginn
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