Käte-Kollwitz-Straße – Spuren der Kunst im Herzen Berlins

Sie war nicht nur eine Meisterin der Grafik – Käthe Kollwitz ging als die Künstlerin in die Geschichte ein, die dem menschlichen Leid ein Gesicht gab. Eine brillante Grafikerin, eine einfühlsame Zeichnerin, eine geniale Bildhauerin und die erste Frau, die Ehrenprofessorin an der Berliner Akademie der Künste wurde. Im Laufe ihrer Karriere schuf sie Hunderte von Radierungen, Lithografien, Holzschnitten und Tausende von zutiefst emotionalen Zeichnungen. Auch ihre plastischen Arbeiten bilden da keine Ausnahme: Die Skulpturen von Kollwitz gehören zu den herausragendsten Leistungen der deutschen Moderne. Mehr dazu auf berlinka.info.

In Berlin erinnert man sich nicht nur in Museen an sie. Eine Straße im Bezirk Prenzlauer Berg, wo Käthe 1891 mit ihrem Mann, dem Arzt Karl Kollwitz, lebte, trägt ihren Namen – die Kollwitzstraße. In der Nähe befindet sich der Kollwitzplatz, auf dem 1950 ein skulpturales Denkmal zu ihren Ehren errichtet wurde. Jeden Samstag findet hier ein Markt statt – ein beliebter Ort für Berliner und Touristen gleichermaßen, die die Gelegenheit nutzen, vor dem Abbild der großen Künstlerin innezuhalten.

Die Kraft des Bildes

Käthe wurde am 8. Juli 1867 in Königsberg als fünftes Kind von Karl und Katharina Schmidt geboren. Ihr Vater war der Erste, der das Talent seiner Tochter erkannte, und dank ihm erhielt sie ihre ersten Zeichenstunden. Zunächst lernte sie bei dem Maler Gustav Naujok, später bei dem Grafiker Rudolf Mauer. Ihre Begeisterung für die Malerei führte die junge Frau nach München, wo sie gerührt die Gemälde von Rubens in der Alten Pinakothek betrachtete. Ihre Ausbildung setzte sie an der Berliner Akademie der Künste in der Malklasse unter der Leitung des Schweizers Karl Stauffer-Bern fort.

Das Feuer, das die Künstlerin nicht brach

Foto: Grafik „Sturm“ aus der Serie „Ein Weberaufstand“

Im Jahr 1885 trat Käthe in die Damenakademie des Vereins der Berliner Künstlerinnen ein. Sie setzte ihr Studium in Königsberg und später an der Münchner Hochschule für Bildende Künste fort. Schon als Studentin wandte sie sich der Grafik zu, als Mittel, um über das Leben einfacher Leute zu erzählen. Zu dieser Zeit lernte sie den jungen Arzt Karl Kollwitz kennen, den sie 1891 heiratete. Das junge Ehepaar ließ sich in einem Berliner Vorort nieder, wo Karl in einem Krankenhaus für Arme arbeitete. Käthe vertiefte sich damals in die Kunst; ihre ersten Grafiken zu sozialen Themen schnitten schonungslos in die Wahrheit. 1898 machte Kollwitz mit der Radierungsserie „Ein Weberaufstand“ auf sich aufmerksam, die auf der Großen Berliner Kunstausstellung für Furore sorgte. Trotz lobender Kritiken verbot Kaiser Wilhelm II. persönlich die Verleihung der verdienten Medaille, da ihm die Wahrheit über das elende Leben der Arbeiter zu radikal erschien. Dieses Ereignis stärkte jedoch nur den Ruf von Kollwitz; noch im selben Jahr erhielt sie das Angebot, die Meisterklasse für Grafik an der Damenakademie zu leiten. 

Mutter mit stählernem Herzen

Im Jahr 1910 schuf Käthe Kollwitz ihre erste Skulptur, doch der wahre Ruhm kam durch ihre Grafiken. Der neue Zyklus „Bauernkrieg“, inspiriert vom historischen Aufstand der deutschen Bauern im 16. Jahrhundert, wurde in Europa als Durchbruch in der sozialkritischen Kunst anerkannt. Genau für diese Grafikserie erhielt Kollwitz den von dem herausragenden Künstler Max Klinger gestifteten „Villa-Romana-Preis“ und war die erste Frau, die ihn gewann. Gleichzeitig wurde Käthe zum Mitglied des Deutschen Künstlerbundes und der Berliner Secession gewählt – einflussreiche Kunstvereinigungen jener Zeit.

Doch das Jahr 1914 riss einen bodenlosen Abgrund in ihrem Leben auf: Beide Söhne zogen als Freiwillige an die Front, und schon im ersten Gefecht fiel der jüngere, Peter. Dieser Schlag brach das Herz der Mutter und veränderte ihr Schaffen für immer. Von da an klang das Thema Krieg in Käthes Kunst nicht aus der Position des Helden, sondern aus der des Verlusts, des Schmerzes und der Unwiderruflichkeit. Diese Frau blieb eine kompromisslose Pazifistin, obwohl sie keiner Partei angehörte. Ihre Sympathien galten jedoch den Sozialisten, und die Künstlerin verbarg ihre Feindseligkeit gegenüber dem Nationalsozialismus nicht. Bis Mitte der 1930er Jahre wurde ihre Kunst anerkannt, ihre Karriere entwickelte sich, Käthe genoss Autorität, hatte Schüler und Anerkennung. Aber dann änderte sich alles.

Die Frau, die die Sprache der Trauer sprach

Als Hitler an die Macht kam, wurde die erste Professorin an der Preußischen Akademie der Künste gezwungen, ihr Amt niederzulegen. Die Nationalsozialisten verboten ihr Ausstellungen, und der Name Kollwitz wurde allmählich aus dem Kreis der Künstler verdrängt. Trotz der Bitten von Freunden aus dem Ausland weigerte sich die Künstlerin zu emigrieren. 1940 starb ihr Mann Karl, mit dem sie fast ein halbes Jahrhundert in Liebe und gegenseitigem Respekt gelebt hatte. Drei Jahre später zog Kollwitz auf Einladung des Herzogs Ernst Heinrich von Sachsen aus dem kriegsgebeutelten Berlin nach Moritzburg. Dann fiel ihr Enkel, Peters Sohn, an der Front, und dieser zweite Verlust brannte ihre Seele aus. Käthe Kollwitz verstarb im April 1945 und wurde auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin beigesetzt. Das Grab dieser mutigen und talentierten Frau wurde zu einem Symbol der Erinnerung nicht nur an die Künstlerin, sondern an alle Mütter, die ihre Kinder im Krieg verloren haben.

Ein Schaffen, das durch den Schmerz spricht

Foto: Skulptur „Trauerndes Elternpaar“

Kollwitz war überzeugt: Kunst hat die Kraft, die Gesellschaft zu verändern. Bereits Anfang der 1890er Jahre wandte sie sich endgültig von der Malerei ab und wählte die Grafik wegen ihrer Fähigkeit zur Massenverbreitung. Der billige Druck ermöglichte es, die Werke unter einfachen Leuten zu verteilen. Forscher bezeichneten Käthes Radierungen, Lithografien und Holzschnitte als Ikonen ihrer Zeit. Ihre Modelle waren gewöhnliche Männer, Witwen und Kinder, die die Künstlerin mit Zärtlichkeit und Würde darstellte, selbst wenn sie am Rande des Überlebens standen. In ihrer Arbeit suchte Kollwitz nicht nach ästhetischer Perfektion, sondern nach Wahrheit. Und sie fand sie.

Die Kunst von Käthe Kollwitz ist nicht nur Schaffen, sondern eine visuelle Chronik menschlichen Schmerzes und Widerstands. In den Szenen des Bauernkriegs aus dem 16. Jahrhundert rückte die Frau nicht Siege oder Niederlagen in den Vordergrund, sondern das namenlose menschliche Leid. Ihre Grafiken sind Geschichte nicht in Fakten, sondern in Gesichtsausdrücken, gebeugten Gestalten und schmerzgeplagten Augen. Nach Peters Tod wurde das Bild der Mutter, die ihr Kind verloren hat, zu einem durchgehenden Motiv im weiteren Schaffen der Künstlerin. Über viele Jahre hinweg trug Käthe die Idee einer Skulpturengruppe in sich, die sich in zwei geneigten Figuren manifestierte. Dieses „Trauernde Elternpaar“ ist nicht nur ein Denkmal für ihren eigenen Sohn, sondern auch ein Gebet für alle, die der Krieg gebrochen hat.

Erinnerung in Bronze und Papier

Foto: Skulptur „Mutter mit totem Sohn“

In ihren letzten Schaffensjahren arbeitete die Meisterin mit Bronze und Stein; die Skulptur wurde für sie zu einer neuen Art des stillen Schreis, in dem dieselben Themen wie in ihren grafischen Blättern anklingen: Schmerz, Verlust, ungebrochene Würde. Selbst ihren persönlichen Verlustschmerz goss sie in eine Skulptur – das Bild einer Mutter, die ihren toten Sohn in den Armen hält. Sie schreit nicht, sie empört sich nicht, sie klagt nicht an – sie umarmt ihn nur. Diese steinerne Geste stiller Verzweiflung wurde zur Ikone der gesamten Antikriegskultur des 20. Jahrhunderts. In ihr liegt nicht nur die Erinnerung an den gefallenen Peter, sondern auch an alle Kinder, deren Leben fremden Ideologien geopfert wurden.

Doch das Schicksal war unbarmherzig, sowohl zur Künstlerin selbst als auch zu ihrem Erbe. 1943, während eines der verheerenden Luftangriffe auf Berlin, verbrannte ein Großteil des Archivs von Kollwitz – Werke, Skizzen, persönliche Gegenstände – im Feuer des Krieges, gegen den sie ihr Leben lang mit ihrer Kunst protestiert hatte. Aber die Erinnerung an Käthe überlebte selbst das Feuer. 1993 erschien in der Neuen Wache in Berlin ein eindrucksvolles Mahnmal: eine vergrößerte Kopie ihrer Skulptur „Mutter mit totem Sohn“. Der Schöpfer der Replik war der Bildhauer Harald Haacke, der Initiator der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl. Diese Skulptur ist nicht nur ein Symbol der Trauer, sondern auch der Reue, woran die Bürger durch die lakonische und ausdrucksstarke Inschrift auf der Granitplatte erinnert werden – „Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“.

Die Stimme der Kunst gegen den Krieg

Käthe Kollwitz war nicht nur eine der herausragendsten Künstlerinnen Deutschlands, sondern auch die Stimme einer Epoche. Ihre Kunst ist ein monumentales „Nie wieder“, gemeißelt in Bronze, Stein und Papier. Die talentierte Künstlerin hat nicht nur Spuren in der Weltkunstgeschichte hinterlassen, sondern sich auch in das Gewissen der Menschheit eingeprägt. Daran werden die heutigen Berliner ständig durch die Käthe-Kollwitz-Straße und den Kollwitzplatz in der deutschen Hauptstadt erinnert.

Quellen:

  1. https://veryimportantlot.com/ru/news/obchestvo-i-lyudi/kete-kolvicz–chto-gde-kogda–biografiya-gody-zhizni-portret
  2. https://nmwa.org/art/artists/kathe-kollwitz/
  3. https://www.kollwitz.de/en/biography
  4. https://tripomatic.com/ru/poi/kolvicplac-poi:45119
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