Vor einigen Jahrhunderten wurde jeder Mensch, der in seinem Verhalten von den gesellschaftlichen Normen abwich, als „verrückt“ abgestempelt. Entsprechend war der Umgang mit solchen Menschen: In ganz Europa wurden psychisch Kranke in Irrenhäuser eingesperrt, zusammen mit Bettlern, Verbrechern, Prostituierten und Landstreichern. Später isolierte man sie einfach von der Gesellschaft. Erst Ende des 19. Jahrhunderts begann man, diese Menschen zu behandeln. Zu dieser Zeit entstanden die Psychologie als Begriff und die neue Profession des Psychologen in der Medizin. Im Folgenden die Biografie eines herausragenden Vertreters dieser Disziplin, des empirisch-klinisch orientierten Berliner Neuropsychiaters. Mehr über sein Leben auf berlinka.info.
Der Beginn der beruflichen Laufbahn

Karl Friedrich Otto Westphal wurde 1833 in Berlin als Sohn eines Arztes geboren. Ab 1851 studierte er Medizin in Berlin, Heidelberg und Zürich. Nach seiner Rückkehr nach Berlin erhielt er 1855 die Approbation und promovierte. Zunächst arbeitete er als Assistent in der Pockenabteilung des Berliner Krankenhauses Charité, später in der Abteilung für „Geisteskranke“ desselben Krankenhauses. 1861 habilitierte sich Westphal mit einer Arbeit über die Körpertemperatur bei verschiedenen Formen psychischer Störungen und hielt Vorlesungen über Psychiatrie. Ein Jahr später heiratete er Clara Mendelssohn (1840–1927). Das Paar hatte vier Kinder, darunter den Anthropologen Dieter Wiss (1923–1994).
1869 trat Westphal die Nachfolge von Wilhelm Griesinger als erster ordentlicher Professor für Psychiatrie und Nervenkrankheiten an der Charité an. Nach einem langen chronischen Nervenleiden verstarb Karl Westphal im Januar 1890 in der Psychiatrischen Klinik von Kreuzlingen (Schweiz).
Sexualforschung

Westphal widmete sich der klinisch-empirischen Medizin und experimentellen Physiologie. Seine bedeutendsten Werke umfassen Forschungen zu progressiver Paralyse, Zwangsgedanken und Agoraphobie. Sein Essay „Das konträre sexuelle Empfinden“ aus dem Jahr 1869 markiert einen Meilenstein in der Sexualforschung und leitete einen Paradigmenwechsel hin zu organisch-physiologischen Konzepten in der deutschen Psychiatrie ein. In seinen ersten Fallbeschreibungen weiblicher Homosexualität und männlicher Transsexualität definierte Westphal das „widersprüchliche sexuelle Empfinden“ als anfänglich wechselhaften, später jedoch „dauerhaften Zustand“, in dem „ein Mann sich als Frau, eine Frau sich als Mann empfindet“. Im Gegensatz zu früheren moraltheoretischen Ansätzen wurden diese Phänomene wissenschaftlich objektiviert und in den nosologischen Rahmen von „Perversionen“ eingeordnet.
Psychopathologie nach Westphal

Westphal versuchte, das sogenannte „Wahnsinn“ als nosologisch eigenständige „primäre psychische Störung“ zu differenzieren, anstatt es wie in der traditionellen Konzeption des „Einheitspsychose“-Begriffs (Zeller, Griesinger) als sekundäre Störung einer vorangegangenen „intellektuellen Schwäche“ oder Melancholie zu betrachten. Beim „Wahnsinn“ legte er den Fokus nicht auf affektive Aspekte, sondern auf einen abnormen Prozess in der Vorstellungskraft. Dieser Prozess findet im Bereich der Ideen statt (mit entsprechenden Sinnestäuschungen oder ohne), wobei der Inhalt dieser Ideen immer konstant bleibt.
Durch diese Definition des „Wahnsinns“ beschrieb Westphal weitgehend die klinische Erscheinung einer schizophrenieähnlichen Entwicklung. Er näherte sich modernen Konzepten von Wahn oder Paranoia, indem er die Erklärung eines „abnormen Vorstellungsprozesses“ (Denkstörungen) und die Konstanz des Inhalts dieser Ideen in den Mittelpunkt stellte. Damit bestätigte Westphal schließlich die Theorie der Einheitspsychose.