Berlin, 1913. Im Kabarett „Linden“ tritt ein Mädchen mit feuerrotem Haar auf, das leicht nach hinten geworfen ist, eine Augenbraue spöttisch hochgezogen. Sie trägt vermutlich ihre Lieblingskrawatte im Herrenstil mit einer einfachen Bluse. Es ist Claire Waldoff, die ein Lied singt, das zu ihrem bekanntesten werden sollte – zu ihrem Markenzeichen. Mehr über das Leben und die Karriere der Sängerin lesen Sie auf der Website berlinka.info.
Die Traum-Metropole

Claire Waldoff war nicht ihr echter Name. Sie wurde als Clara Wortmann geboren. Eine weitere Diskrepanz: Sie wird überall als echte Berlinerin identifiziert – als kecke „Bolle“, eine freche Berliner Göre „mit Schnauze und Herz“. Doch tatsächlich wurde sie nicht in Berlin geboren. Zum ersten Mal kam sie 1906 in die pulsierende Metropole, die sie sofort beeindruckte. Vergessen waren Gelsenkirchen, wo die Tochter eines Bergarbeiters ihre Kindheit verbracht hatte, Hannover, wo sie das Hedwig-Kettler-Mädchengymnasium besuchte, um Ärztin zu werden, und Kattowitz, wo sie nach der Scheidung ihrer Eltern ihr Studium nicht fortsetzen konnte. In Hannover lebte Clara Wortmann übrigens bei der Familie Schmitz, den Eltern des Schauspielers und Regisseurs Theo Lingen.
Der Beginn der Karriere

Warum also nicht eine Karriere aus ihrer Liebe zum Theater und zur Musik machen? Zwei Jahre lang spielte Claire kleinere Rollen in Provinz- und Wandertheatertruppen für einen Hungerlohn, bevor sie dem magischen Ruf Berlins mit seinen Theatern und den neuen populären Kabaretts folgte.
Anfangs hatte die Neuling keine regelmäßigen Engagements, nur einige Nebenrollen und befristete Verträge. Oft mussten Freunde sie finanziell unterstützen. Doch nach ihrem Auftritt im Kabarett „Roland von Berlin“ hießen neue Plakate bald: „Claire Waldoff, der Star von Berlin“. Sie sang nur drei einfache Lieder, in einem auf Kredit gekauften Kleid statt in einem eleganten Anzug, da Frauen laut offizieller Zensur nach 23 Uhr keine Männerkleidung tragen durften. Doch ihr frecher, humorvoller Stil, ihr „Augenzwinkern“ und ihre ironische Annäherung selbst an sentimentale Texte machten Claire Waldoff zum Star des Kabaretts.
Die elegante und einfache Öffentlichkeit liebte ihre „Claire Berolina“ gleichermaßen und lachte über Lieder wie „O Gott, wat sind die Männer dumm“, „Wer schmeißt denn da mit Lehm?“ oder „Raus mit den Männern aus dem Reichstag“. Ebenso wurden sie von Liedern wie „Mutters Hände“ oder „Das war sein Milljöh“ berührt.
Ablehnung des Nationalsozialismus

Ihre unverwechselbare raue Stimme war im Radio und auf Schallplatten zu hören. Ihr umfangreiches Repertoire umfasste Music-Hall-Lieder, beliebte Berliner Straßenmusik, Volkslieder, Operettenmelodien und literarische Chansons. Über drei Jahrzehnte hinweg wurde sie zur echten Volkssängerin.
Claire Waldoff war ein Dorn im Auge der Nationalsozialisten. Viele ihrer Lieder waren zu frech, viele ihrer Komponisten und Textdichter waren Juden, und viele ihrer Freunde lehnten den Nationalsozialismus ebenso ab wie sie selbst. Und niemand in Berlin hatte ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie mit einer Frau zusammenlebte. Unter den Nazis wurden viele Kabaretts geschlossen, viele Freunde gingen ins Exil. Claire Waldoff trat immer seltener auf, wurde nahezu aus dem Radio verbannt und war öffentlich kaum noch zu sehen. Dieses Berlin war nicht mehr ihre Stadt, und sie vermied es, dorthin zurückzukehren, aus Angst vor Verfolgung und Verhaftung. Stattdessen besuchte sie andere Städte in Deutschland.
Den Kriegsende erlebte Claire Waldoff mit ihrer Lebensgefährtin und Liebhaberin Olly von Roeder in ihrem kleinen Ferienhaus in Bayern. 1950, bereits von Herzproblemen geplagt, kehrte Waldoff ein letztes Mal in ihr geliebtes Berlin zurück. Noch einmal sang sie ihre alten Lieder, das rote Haar leicht nach hinten geworfen.