Die buddhistische Nonne Ayya Khema – Eine Reise zur Weisheit und zum spirituellen Weg

Die Berliner Geschichte kennt viele außergewöhnliche Persönlichkeiten, doch Ayya Khema sticht besonders hervor. Ihr Leben wird bis heute von Forschern untersucht: Wer sie war, welche Geheimnisse ihre Reisen bargen und was ihren spirituellen Weg prägte. Ayya wurde nicht einfach nur eine buddhistische Nonne – sie schuf einen Raum für Frauen im Buddhismus, organisierte die erste internationale Konferenz, gründete Zentren in verschiedenen Ländern und empfing bis an ihr Lebensende Schüler im Buddha-Haus in München. Diese Frau war die erste vollständig ordinierte Nonne der Theravāda-Tradition seit tausend Jahren. Ihre Geschichte ist wie eine kleine Tür in eine große und unerwartete Welt, die sie für alle öffnete, die bereit waren, hineinzublicken. In ihr vereinten sich Weisheit, Mut und ein inspirierendes Lebensbeispiel, das die Vorstellung von Spiritualität und der Rolle der Frau im Buddhismus veränderte. Lesen Sie weiter auf berlinka.info.

Der Wind des Wandels

Der bürgerliche Name dieser Frau lautete Ilse Kussel. Sie wurde im August 1923 in einer jüdischen Familie in Berlin geboren. Das Mädchen war erst 10 Jahre alt, als Hitler an die Macht kam, was das Schicksal Hunderttausender Juden veränderte. Es gelang den Eltern, die Kleine zusammen mit 200 anderen jüdischen Kindern rechtzeitig aus Deutschland herauszubringen. Mit 15 Jahren zog sie zu Verwandten nach Schottland und reiste 1941 auf einem japanischen Frachtschiff bis nach Shanghai, wo ihre Eltern bereits auf sie warteten.

In Shanghai blieb sie während des Zweiten Weltkriegs. Anfangs war das Leben noch einigermaßen erträglich, doch dann internierten die Japaner alle westlichen Bürger in einem Konzentrationslager. Dort starb in den letzten Kriegstagen Ilses Vater. Als der Krieg endete, war die junge Frau 22 Jahre alt und willigte ein, Johannes zu heiraten, einen Mann, der fast doppelt so alt war wie sie. Sie zogen in den Stadtteil Hongkou. Im Jahr 1947 brachte das Paar eine Tochter namens Irene zur Welt, doch dem Kind war kein langes Leben beschieden.

Zwischen Ozeanen und Wüsten

Foto: Rancho La Puerta

Als die chinesische Volksbefreiungsarmee Shanghai einnahm, zogen Ilse und Johannes in die USA. Zunächst lebten sie in San Francisco, später in Los Angeles und San Diego. Dort brachte Ilse ihren Sohn Jeffrey zur Welt. Doch das Familienleben konnte ihre geistige Leere nicht füllen, und die Frau begann, verschiedene religiöse Praktiken zu studieren. Ihr Ehemann billigte diesen Weg nicht, weshalb es zur Scheidung kam. Mit ihrem kleinen Sohn fand Ilse Zuflucht auf der Rancho La Puerta – einem Öko-Resort in einem Vorort von Tecate. Dort begeisterte sie sich für die Philosophie der Essener-Sekte.

Später lernte sie Gerd kennen, den sie heiratete. Die Familie lebte vegetarisch, und diese Praxis behielt Ilse für immer bei. Bald darauf begaben sie sich auf eine Weltreise, besuchten Südamerika, Neuseeland, Australien und Pakistan, bis sie sich schließlich in Sydney niederließen. Dort traf Ilse den Theravāda-Mönch Khantipalo, mit dem sie eine lebenslange Freundschaft verband.

Die Wandlung zur Ayya

Foto: Sri Lanka

Um ihre spirituellen Studien fortzusetzen, ging Ilse nach San Francisco, wo sie im dortigen Zen-Zentrum Meditation erlernte. Sie arbeitete drei Monate im Tassajara Zen Mountain Center in den Bergen. Anschließend reiste die unermüdliche Frau nach Burma, um drei Wochen lang Meditationsunterricht bei Ba Khin zu nehmen.

Das Schicksal führte Ilse weiter nach Sri Lanka, wo sie dem deutschen Mönch Nyanaponika Thera begegnete, der sie mit dem dortigen Meister Narada Mahathera bekannt machte. Mit seiner Unterstützung durchlief Ilse eine spirituelle Wiedergeburt und wurde zu Ayya Khema. Auf Sri Lanka beschloss sie, sich zur Nonne weihen zu lassen. Zu jener Zeit konnten Frauen lediglich die 10-Gelübde-Ordination erhalten, nicht jedoch die volle Ordination. Doch Ayya erreichte ihr Ziel, ging in ihrer spirituellen Entwicklung noch weiter und wurde faktisch die erste vollständig ordinierte Theravāda-Nonne seit tausend Jahren.

Eine Zeit, in der der Name zum Gelübde wurde

Diese Nonne strebte nicht nur nach persönlicher spiritueller Vervollkommnung. Es gelang ihr, auch andere Frauen auf Sri Lanka zu überzeugen, die volle Ordination zu empfangen, wodurch sie die Tradition der voll ordinierten Nonnen im Theravāda (Theravāda Bhikkhunīs) praktisch wiederbelebte. Im selben Jahr, 1978, gründete sie Wat Buddha Dhamma – ein Waldkloster nach Theravāda-Tradition in der Nähe von Sydney. In Colombo schuf Ayya das Internationale Buddhistische Frauenzentrum zur Ausbildung sri-lankischer Nonnen sowie die „Nonneninsel Parappuduwa“ – für Frauen, die eine intensive Praxis oder die volle Ordination anstrebten.

Als Abt lud sie ihren alten Freund Bhante Khantipalo ein. Dies markierte für Ayya den Beginn eines neuen Lebens – nicht nur als Nonne, sondern auch als Frau, die die Spielregeln in der Welt des Buddhismus veränderte. Da sie das innere Bedürfnis verspürte, noch mehr zu erreichen, reiste Khema nach Thailand, um einen dreimonatigen Kurs für Bhikkhuni-Praktiken zu absolvieren. Dort erlangten Nonnen den höheren Grad der Einweihung. Und bereits 1987 machte diese Frau als Koordinatorin der historisch ersten internationalen Konferenz buddhistischer Nonnen von sich reden.

Dharma in Buchstaben und Stimmen

Diese Konferenz wurde später als ein Ereignis bezeichnet, das die Welt für Tausende von Frauen veränderte. Das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit war die Gründung von „Sakyadhita“ – einer weltweiten buddhistischen Frauenorganisation. Ayya Khema war die erste Buddhistin, die im Mai 1987 als Gastdozentin vor den Vereinten Nationen in New York sprach – ein Schritt, den viele Europäer für unmöglich hielten. In dieser Zeit verfasste Ayya aktiv spirituelle Werke in englischer und deutscher Sprache. Deutsch war ihre Muttersprache, Englisch hatte sie bereits als Teenager in Schottland gelernt und später in Australien und den USA perfektioniert.

Ayya Khemas erstes Buch „Niemand sein, nirgendwo hingehen“ (Originaltitel: Being Nobody, Going Nowhere) erhielt 1988 den Christmas Humphreys Memorial Award. Auch ihre anderen Werke fanden weltweit Tausende von Anhängern: „Wenn der eiserne Adler fliegt: Buddhismus für den Westen“, „Wer bin ich?“, „Sei eine Insel“, „Hier und Jetzt sichtbar“, „Komm und sieh selbst: Der buddhistische Weg zum Glück“, „Wisse, wohin du gehst“.

Die meisten dieser Werke sind im 21. Jahrhundert online verfügbar; es gibt sowohl vollständige elektronische Ausgaben als auch Zitate von Ayya Khema. Ihre Autobiografie „Ich schenke dir mein Leben“ wurde von den Lesern stets als eine erstaunliche Abenteuergeschichte bewundert, voller spiritueller Perlen und Lebensweisheit. Auch Meditationen und Vorträge von Ayya Khema sind auf YouTube und anderen Kanälen zugänglich.

Ordination, Schmerz und Rückkehr

Im Jahr 1988 erhielt Ayya Khema die Ordination von ihrem Lehrer Narada Mahathera und wurde eine vollwertige Bhikkhuni. Die Zeremonie fand im neu erbauten Hsi Lai Tempel in Kalifornien statt. Ein Jahr später kehrte die Nonne in ihre deutsche Heimat zurück und gründete in München das „Buddha-Haus“. 1997 entstand unweit davon zusätzlich das Waldkloster „Metta Vihara“.

Doch die spirituelle Erleuchtung versprach keinen leichten Weg. Eher im Gegenteil. Bereits 1983 begann die Frau unter starken Schmerzen zu leiden; Ärzte diagnostizierten Brustkrebs. Im folgenden Jahrzehnt arbeitete, lehrte und schrieb Ayya Khema trotz der Schmerzen weiter. Erst 1993 stimmte sie in Deutschland einer Operation zur Entfernung der Brust zu. Die Nonne war damals bereits 70 Jahre alt und wäre während der langen Genesungsphase fast gestorben. Doch die Mediziner holten Ayya ins Leben zurück.

Schüler von Khema erinnerten sich, dass diese Frau dem Tod sehr gelassen gegenüberstand. Sie gab sogar selbst zu, dass ihr Körper seine Ressourcen erschöpft habe und es Zeit sei zu gehen. Dennoch hielt sie bis zum November 1997 durch. Ayya Khema verstarb in der deutschen Ortschaft Oy-Mittelberg, wo sie ihre letzten Jahre im Buddha-Haus verbracht hatte. Auf dem Gelände der Einrichtung wurde diese außergewöhnliche Frau auch beigesetzt.

Das Licht, das nicht erlischt

Das Vermächtnis der buddhistischen Nonne Khema lebte jedoch weiter. Im Jahr 2022 erschien eine posthume Ausgabe ihres Buches „Der Weg zum Frieden: Ein buddhistischer Leitfaden zur Kultivierung von Liebender-Güte“. Der Text wurde von Leigh Brasington editiert, die 12 Jahre lang bei Ayya Khema gelernt hatte. Sie erinnerte sich, dass ihre Lehrerin unglaublich und sehr präzise in ihren Formulierungen war; sie verstand es, tiefste Ideen so auszudrücken, dass selbst Anfänger sie gut verstanden. Ihre Texte zeichneten sich durch Treffsicherheit und eine charakteristische Art aus, Gedanken zu formulieren.

Ayya Khema lebte so, wie sie lehrte: mutig, ohne Angst vor dem Tod, konzentriert auf den Dharma und die Weitergabe von Wissen an andere. Sie eröffnete ihren Schülern eine unglaubliche Anzahl feiner Nuancen spiritueller Praktiken, die nicht mit Worten, sondern nur durch das eigene Beispiel vermittelt werden können. Das Leben der buddhistischen Nonne Ayya Khema bleibt ein Licht, das beständig den Weg für alle erhellt, die danach streben, sich selbst und die Welt um sich herum zu verstehen.

Quellen:

  1. https://www.leighb.com/a_khema.htm
  2. https://www.lionsroar.com/buddhist-nun-ayya-khema-was-a-force-of-nature-and-of-unconditional-love/
  3. https://teahouse.buddhistdoor.net/ayya-khema-a-last-rebirth-of-unimaginable-richness-and-depth/
  4. https://buddhismus-aktuell.de/artikel/brief-eines-schuelers-an-seine-lehrerin-ayya-khema/
  5. https://www.instagram.com/explore/locations/10825169/wat-buddha-dhamma-meditation-center/

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