Im 19. und frühen 20. Jahrhundert stützte sich Deutschland nicht nur auf Politiker und Generäle, sondern auch auf Frauen. Hartnäckig, mutig, oft alleinstehend, aber innerlich unglaublich stark, gründeten sie Schulen, kämpften für Arbeit und Würde und bauten den Sozialstaat aus den Trümmern wieder auf. Ihr Feminismus war kein bloßer Slogan, sondern alltägliche, stille und beharrliche Arbeit. Eine dieser Persönlichkeiten war Louise Schroeder – die erste Oberbürgermeisterin von Berlin (1947–1948) nach dem Zweiten Weltkrieg. Mehr dazu auf berlinka.info.
Sie konnte zuhören und Verantwortung übernehmen – bei ihrer Arbeit in der Arbeitsgerichtsbarkeit, in den Hörsälen der Hauptstadt und bei der Gründung der Freien Universität Berlin. Die Bürger nannten sie die „Mutter Berlins“ und verewigten sie im Stadtbild – auf dem Louise-Schroeder-Platz und in der Louise-Schroeder-Straße.
Louise Schroeders Kindheit in Hamburg: Der Weg von der Angestellten zur Sozialaktivistin

Louise Schroeder wurde im April 1887 in Hamburg geboren. Ihr Vater arbeitete auf dem Bau, ihre Mutter verkaufte Gemüse; sie lebten in bescheidenen Verhältnissen, taten aber alles, um ihrer Tochter eine gute Bildung zu ermöglichen. Nach ihrem Schulabschluss fand Louise eine Anstellung als Büroangestellte in einer Versicherung. Die Politik trat nicht durch Bücher in ihr Leben, sondern durch Gespräche und alltägliche Beobachtungen menschlicher Ungerechtigkeit. Ihr Vater, ein überzeugter Sozialdemokrat, eröffnete Louise die Welt der Ideen, nach denen der Staat für die Schwächeren sorgen müsse. Im Jahr 1910 trat Louise der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) bei und konzentrierte sich fast sofort auf das, was ihr am Herzen lag: den sozialen Schutz und die Frauenrechte.
Nach der Novemberrevolution, als die Monarchie stürzte und Frauen in Deutschland endlich das Wahlrecht erhielten, wurde Schroeder eine der ersten weiblichen Abgeordneten. Ab 1919 gehörte sie der Nationalversammlung der Weimarer Republik an und war das jüngste Mitglied des Parlaments. Es war eine Zeit der Hoffnungen und Enttäuschungen, des Hungers und der Versuche, ein neues, gerechteres Land aufzubauen. Damals engagierte sich Louise bei der Gründung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) – einer Organisation, die den Bürgern half, nach dem Ersten Weltkrieg zu überleben. Für Schroeder war dies keine abstrakte Struktur, sondern es ging um lebendige Menschen – Mütter, Kinder, ältere Menschen, die Unterstützung brauchten. Sie arbeitete auch am Aufbau der Arbeitsgerichtsbarkeit mit und lehrte ab 1925 an der Schule dieser Einrichtung in Berlin. Gleichzeitig hielt sie Vorlesungen an der Deutschen Hochschule für Politik – dem heutigen Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft.
Der kleine tägliche Widerstand: Louise Schroeder gegen den Nationalsozialismus

Das Jahr 1933 machte alles zunichte. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, stimmte Schroeder offen gegen das Ermächtigungsgesetz – jenes Gesetz, das das Land in die Hände Adolf Hitlers legte. Dafür wurde ihr ein Berufsverbot erteilt. Sie übernahm die Leitung einer Bäckerei und weigerte sich hartnäckig, still, aber bestimmt, Kunden mit dem nationalsozialistischen „Heil Hitler!“ zu begrüßen. Es war ihr kleiner, alltäglicher Widerstand – ohne Aufrufe oder Reden. Louise wurde boykottiert, verfolgt und schließlich aus der Hauptstadt verdrängt. Sie zog nach Hamburg, wo sie unter ständiger Überwachung lebte. Sie musste sich regelmäßig bei der Polizei melden, und die Gestapo suchte oft ihre winzige Wohnung auf, in der Louise zusammen mit ihrer Mutter und ihrer blinden Schwester lebte.
Ihr Widerstand war nicht laut, aber beständig und alltäglich:
Sie vermied jegliche Zusammenarbeit mit nationalsozialistischen Strukturen.
Sie stimmte gegen das Regime, selbst als dies ihre Sicherheit gefährdete.
Sie weigerte sich, Kunden mit dem nationalsozialistischen „Heil Hitler!“ zu begrüßen.
Dank Freunden konnte Schroeder nach Berlin zurückkehren, wo sie arbeitete, als was sich gerade anbot – als Büroangestellte, als Sozialarbeiterin. Während des Zweiten Weltkriegs wurde ihre Wohnung in der Schwedter Straße durch Bombenangriffe zerstört, ihre Unterkunft in Wilmersdorf brannte nieder, und nach einem Luftangriff in Friedenau wurde sie buchstäblich aus den Trümmern gerettet. Aber selbst da brach Louise Schroeder nicht ein. Als der Zweite Weltkrieg endete, sah man sie wieder an der Seite derer, die Hilfe brauchten.
Louise Schroeders Rückkehr nach Berlin und der Wiederaufbau der Stadt

Das von Bombardierungen und Jahren des Chaos erschöpfte Berlin empfing diese Frau mit Freude. Für viele Bürger blieb sie ein Symbol der Hoffnung – bescheiden, aber unerschütterlich. Sie übernahm den Vorsitz der Berliner Arbeiterwohlfahrt, half beim Wiederaufbau der SPD in der Stadt und wurde zur stellvertretenden Landesvorsitzenden der Partei gewählt. Doch die Lage in Berlin war besorgniserregend. Als bei den Wahlen zur Berliner Stadtverordnetenversammlung das bürgerliche Lager – zu dem die SPD, die Christlich Demokratische Union (CDU) und die Liberalen gehörten – die absolute Mehrheit gegenüber den Kommunisten gewann, erreichte die Spannung in der Stadt ihren Höhepunkt.
Der zunächst ernannte sozialdemokratische Oberbürgermeister Otto Ostrowski machte Platz für seinen eher westlich orientierten Parteikollegen Ernst Reuter. Doch Reuters Wahl im Juni 1947 wurde von der Sowjetischen Militäradministration nicht anerkannt. Daraufhin wurde der Posten der Oberbürgermeisterin seiner Stellvertreterin Louise Schroeder angeboten, die zu dieser Zeit bereits ihren 60. Geburtstag gefeiert hatte. Sie nahm an. Krankheiten und schwache Gesundheit hielten sie nicht auf, denn diese Frau spürte eine persönliche Verantwortung für die Hauptstadt und ihre Bewohner.
Die Berliner Blockade 1948: Wie die erste Oberbürgermeisterin die Stadt in eine Insel der Hoffnung verwandelte

Als Frau Schroeder das Steuer übernahm, lag Berlin nicht nur in Trümmern, sondern war auch territorial zerrissen. Die von der sowjetischen Führung verhängte Blockade verwandelte die Westsektoren der Hauptstadt in eine wahre „Insel“ inmitten feindlicher Umgebung. Lebensmittel und Medikamente konnten nur per Flugzeug geliefert werden, und die Bewohner litten unter einem akuten Mangel an allem Notwendigen.
In diesen außergewöhnlichen Bedingungen konzentrierte sich die Oberbürgermeisterin auf konkrete Maßnahmen zur Rettung der Stadt:
Stärkung der Moral der Bürger durch persönliche Präsenz und ihr eigenes Vorbild;
Organisation der Lebensmittel- und Medikamentenversorgung;
Unterstützung der schwächsten Bevölkerungsgruppen;
Wahrung der Einheit der westlichen Sektoren Berlins.
Ihre Hingabe an die Stadt und die Menschen machte Frau Schroeder zur Legende. Die Berliner nannten sie „Königin Louise“, und Zeitungen weltweit schrieben mit Respekt, dass diese zierliche Frau so viel Güte und Taktgefühl besaß, dass selbst ihre erbittertsten Gegner nach Gründen suchen mussten, sie nicht zu mögen. Korrespondenten der „New York Times“ betonten, dass noch nie zuvor eine deutsche Frau ein solches Amt bekleidet habe, aber Oberbürgermeisterin Schroeder wurde zur „Mutter Berlins“ und zu einem Symbol dafür, dass Politik ein Dienst an den Menschen ist.
Louise Schroeder im Bundestag und in Europa: Die Stimme Berlins für ganz Deutschland

Ihre aufrichtige Hingabe an das Volk ließ auch die westlichen Alliierten nicht unberührt. Im Mai 1949, am Tag nach dem Ende der Berliner Blockade, als Konrad Adenauer, Ernst Reuter und andere Politiker vor dem Rathaus Schöneberg sprachen, riefen eine halbe Million Berliner einstimmig Louises Namen. Und dieser aufrichtige Gruß spiegelte nicht nur Dankbarkeit wider, sondern auch echte Liebe zu der Frau, die zum Symbol für die Wiedergeburt der Stadt geworden war.
Als Berlin geteilt wurde, entließ die östliche Stadtverordnetenversammlung den gesamten Magistrat, und die Westsektoren wählten ihren eigenen Oberbürgermeister – Ernst Reuter, der Louise Schroeder ablöste. Sie blieb jedoch bis 1951 seine Stellvertreterin und Mitglied des Senats. Es ist erwähnenswert, dass sie ab 1949 dem Bundestag und ab 1950 der Parlamentarischen Versammlung des Europarates angehörte. Frau Schroeder betonte wiederholt, dass sie gemeinsam mit dem Volk einen demokratischen Staat schaffen wolle und bot an, gemeinsam daran zu arbeiten. Ihrer Meinung nach war dies der einzige Weg, Berlin und ganz Deutschland zu retten. Und das Volk hat sie gehört.
Das Andenken an Louise Schroeder: Von mütterlicher Hingabe zum Erbe in Berlin

Als Louise Schroeder im Juni 1957 in Berlin an einem Herzleiden verstarb, kamen Tausende Menschen, um sich von der Frau zu verabschieden, die zu einer wahren Mutter für die Stadt geworden war. Sie wurde auf dem Friedhof in Altona-Ohlsdorf neben ihren Eltern beigesetzt. Der Name dieser Politikerin ist in Deutschland für immer erhalten geblieben: ein Platz im Berliner Bezirk Wedding (Louise-Schroeder-Platz), das Städtische Louise-Schroeder-Gymnasium in München, ein Konferenzraum am Hamburger Flughafen (Haus Sylt Louise Schroeder) und eine Straße in ihrer Heimatstadt Hamburg (Louise-Schroeder-Straße). Und 1998 stiftete der Berliner Senat die Louise-Schroeder-Medaille, mit der Persönlichkeiten für herausragende Verdienste im Bereich der Sozialfürsorge und humanitären Arbeit ausgezeichnet werden.
Quellen:
- https://www.toleranzraeume.org/en/biographies/louise-schroeder/
- https://www.stadtmuseum.de/en/article/louise-schroeder
- https://www.wiesbaden.de/ru/schulwegweiser/schulen/berufsschulen/Louise-Schroeder-Schule
- https://berlingeschichte.de/historie/spitze/zukap5/louiseschroeder.htm
- https://www.berlin.de/rbmskzl/politik/senat/buergermeistergalerie/artikel.4570.php
Quellen:
- https://www.toleranzraeume.org/en/biographies/louise-schroeder/
- https://www.stadtmuseum.de/en/article/louise-schroeder
- https://www.wiesbaden.de/ru/schulwegweiser/schulen/berufsschulen/Louise-Schroeder-Schule
- https://berlingeschichte.de/historie/spitze/zukap5/louiseschroeder.htm
- https://www.berlin.de/rbmskzl/politik/senat/buergermeistergalerie/artikel.4570.php