Die bekannteste Feministin Deutschlands: eine der „Mütter des Grundgesetzes“ Friederike Nadig

Das 19. und 20. Jahrhundert waren entscheidend für die Frauen Europas im Kampf um ihre Rechte. Die Geschichte bewahrt die Namen der aktivsten Frauenrechtlerinnen aus verschiedenen Ländern. In Deutschland zählen dazu Friederike Nadig, Helene Weber, Elisabeth Selbert und Helene Wessel. Diese Frauen werden als „Mütter des Grundgesetzes“ bezeichnet, da sie als Mitglieder des Parlamentarischen Rates 1949 eine entscheidende Ergänzung zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen durchsetzten.

Dies geschah im Mai 1949. Besonders selbstbewusst traten die Juristin Elisabeth Selbert und die Politikerin Friederike Nadig auf. Letztere hatte umfangreiche Erfahrung in der Sozialarbeit in Berlin und absolvierte in ihrer Jugend ein Praktikum als Sozialpolizistin in der Kommunalverwaltung. Bei den ersten Bundestagswahlen 1949 wurde Friederike Nadig Mitglied des Bundestags und blieb dies bis 1969. Straßen in Berlin und ihrer Heimatstadt Herford tragen heute ihren Namen. Mehr über Friederike Nadigs Leben und Kampf lesen Sie auf berlinka.info.

Friederike Nadigs Weg zur Anerkennung

Friederike wurde im Dezember 1897 geboren. Ihr vollständiger Name lautete Friederike-Charlotte-Luise Nadig, doch meist wurde sie einfach Friederike genannt. Ihre Familie war bescheiden: Die Mutter, Louise-Henriette, arbeitete als Näherin, der Vater Wilhelm als Tischler. Friederike besuchte die Volksschule, absolvierte von 1912 bis 1916 eine Ausbildung zur Verkäuferin und arbeitete bis 1920 in diesem Beruf. Doch sie strebte nach mehr und besuchte parallel Kurse in Säuglingspflege und Krankenpflege. Bereits als 16-Jährige schloss sie sich der Arbeiterjugendorganisation Herfords an, mit 19 trat sie in die SPD ein.

Nach dem Ersten Weltkrieg begann sie ein Studium an der Sozialen Frauenschule in Berlin, die von der Sozialreformerin Alice Salomon gegründet worden war. Zudem absolvierte sie ein neunmonatiges Praktikum im Bereich Jugend- und Armenpflege in Berlin und Charlottenburg sowie ein weiteres als Sozialpolizistin in der Kommunalverwaltung von Herford.

1922 legte sie ihre Prüfungen ab und begann als Sozialarbeiterin in Bielefeld zu arbeiten. Parallel engagierte sie sich als ehrenamtliche Arbeiterwohlfahrtspflegende. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde ihr als „konfessioneller Sozialistin“ die Arbeit verboten. Sie musste ihre politische Aktivität einstellen und als Krankenschwester in einem Krankenhaus in Ahrweiler arbeiten. Doch Nadig gab die Hoffnung nicht auf, dass sich ihre Situation bessern würde – was nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall war.

Nachkriegsjahre und Erfolge

Foto: Friederike Nadig und Emil Gross, 1957

Ab 1945 begann Friederike Nadig ihre politische und soziale Tätigkeit erneut. Sie arbeitete an der Wiederherstellung der Arbeiterwohlfahrt im Kreisverband Ostwestfalen. Ein Jahr später wurde sie Geschäftsführerin der wiederbelebten Arbeiterwohlfahrt Ostwestfalen-Lippe, eine Position, die sie bis 1966 innehatte. Sie engagierte sich aktiv in der SPD und warb verstärkt Frauen für die Partei.

Ende der 1940er Jahre wurde Nadig in mehrere Gremien gewählt, darunter den Zonenausschuss der britischen Besatzungszone, den Ausschuss für Flüchtlingsfragen und das Parlament Nordrhein-Westfalens.

1948 trat Friederike Nadig zusammen mit Helene Weber, Elisabeth Selbert und Helene Wessel in den Parlamentarischen Rat ein. Sie war die einzige Frau im Politischen Ausschuss und arbeitete zusätzlich im Hauptausschuss sowie als stellvertretendes Mitglied des Ausschusses für die Aufgabenverteilung. Bei den ersten Bundestagswahlen 1949 wurde sie direkt im Wahlkreis Bielefeld-Stadt gewählt und blieb bis 1961 Abgeordnete.

Der Kampf um Gleichberechtigung

Foto: Friederike Nadig, Helene Weber, Elisabeth Selbert und Helene Wessel

Die Tatsache, dass von den 65 Mitgliedern des Parlamentarischen Rates nur vier Frauen waren, spiegelt die damaligen gesellschaftlichen Ansichten über die Rolle der Frau wider. Frauen hatten im Krieg und danach nicht nur für ihre Familien gesorgt, sondern auch in Fabriken gearbeitet und beim Wiederaufbau geholfen – dennoch wurden ihre Leistungen weitgehend ignoriert. Frauen sollten zurück in die Sphäre von „Kinder, Küche, Kirche“ gedrängt werden. Sie durften weder Bankkonten eröffnen noch Verträge unterzeichnen, und das letzte Wort sollte stets der Mann haben.

Doch Frauen wie Nadig wollten das nicht hinnehmen. Zusammen mit Elisabeth Selbert setzte sie sich für die Gleichberechtigung ein. Selbert und Nadig waren überzeugte Verfechterinnen der Gleichheit vor dem Gesetz, was sie schließlich auch gegen die Mehrheit der männlichen Mitglieder im Parlamentarischen Rat durchsetzten.

Ein mühsamer Erfolg

Selberts Vorschläge wurden mehrfach abgelehnt, doch die Frauen blieben standhaft. Nadig forderte nicht nur rechtliche Gleichheit, sondern auch Gleichberechtigung in Ehe und Familie, gleiche Rechte für eheliche und uneheliche Kinder sowie gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Am Ende wurde zwar nur die Gleichheit vor dem Gesetz in den Grundgesetzartikel aufgenommen, doch das war ein bedeutender Fortschritt.

Die Männer im Parlamentarischen Rat stimmten erst zu, nachdem Selbert und Nadig einen öffentlichen Protest initiierten. Zahlreiche Briefe deutscher Frauen erreichten den Rat, was die Mitglieder schließlich dazu brachte, die Gleichberechtigung einstimmig zu beschließen.

Würdigung und Vermächtnis

Die „Mütter des Grundgesetzes“ ebneten den Weg für spätere Reformen. Nach der Grundgesetzergänzung von 1957 folgten weitere Gesetze wie das Gleichberechtigungsgesetz, das Ehe- und Familiengesetz von 1976 und das Gleichstellungsgesetz von 1980. Ohne den Einsatz von Frauen wie Nadig wären diese Fortschritte kaum möglich gewesen.

Friederike Nadigs Verdienste wurden gebührend gewürdigt. 1961 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Straßen in Herford, Berlin, Bielefeld, Bonn, Köln, München und anderen Städten tragen ihren Namen. Zudem wurde die Friederike-Nadig-Stiftung gegründet, und die Arbeiterwohlfahrt betreibt ein Bildungszentrum, das ihren Namen trägt. Nadig verstarb im Januar 1970. 2021 wurde in Herford auf dem Rathausplatz ein Denkmal zu ihren Ehren enthüllt, gestaltet von der Bildhauerin Asta Gröting.

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