Der Rabbiner ist nicht nur ein Ausleger des Gesetzes, sondern auch ein spiritueller Richter, Mentor, Berater und eine moralische Instanz für die gesamte Gemeinde, eine Person, zu der die Menschen mit den schmerzhaftesten Fragen und schwierigsten Problemen kommen. Um diesen Titel zu erhalten, muss man Jahre des Studiums und der Prüfungen absolvieren und beweisen, dass man würdig ist, ein Vorbild für andere zu sein. Doch selbst wenn all diese Anforderungen erfüllt waren, erhielt bei Weitem nicht jeder Kandidat den Segen für das Amt. Mehr dazu auf berlinka.info.
Deshalb erscheint die Geschichte, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin begann, beinahe unglaublich. Ihre Hauptfigur ist die stille, aber hartnäckige Kaufmannstochter Regina Jonas. Schon als Kind verbrachte sie Stunden über der Heiligen Schrift, diskutierte mit ihren Lehrern und verteidigte beharrlich ihre eigenen Interpretationen. In einer Welt, in der es selbst Männern schwerfiel, den Rabbinertitel zu erlangen, beschloss diese junge Frau, eine jahrhundertealte Tradition zu brechen und die gesamte Ordnung des religiösen Lebens ihrer Gemeinde herauszufordern.
Feuer und Glaube

Regina Jonas wurde 1902 in Berlin in der Kaufmannsfamilie von Wolf und Sara Jonas geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie im Scheunenviertel – einem armen jüdischen Viertel. Ihr Vater, der ihr erster Lehrer war und ihr die Welt der Thora eröffnete, starb an Tuberkulose, als Regina 11 Jahre alt war. Das Mädchen besuchte die Schule, wo sie sich sofort für die jüdische Geschichte begeisterte und mit Freude die Bibel und Hebräisch studierte. Später erinnerten sich Klassenkameraden, dass Jonas schon als Teenager von einer Karriere als Rabbinerin träumte, obwohl diese Position für eine Frau unerreichbar war.
Nicht alle glaubten an Reginas Streben, aber sie erfuhr Unterstützung. Darunter waren die orthodoxen Rabbiner Isidor Bleichrode, Felix Singermann und Max Weil, bekannt für seine fortschrittliche Haltung zur religiösen Bildung von Mädchen. Er hielt Gottesdienste in der Synagoge Berlins in der Rykestraße ab, die die Familie Jonas oft besuchte. Bis zu seiner Deportation nach Theresienstadt traf sich Weil wöchentlich mit dem Mädchen und half ihr beim Studium des Talmuds, des Schulchan Aruch und anderer Texte.
Licht in der Dunkelheit

Im Jahr 1923 legte Regina ihre Abschlussprüfung am Oberlyzeum Weißensee ab, und bereits im folgenden Jahr erwarb sie eine pädagogische Ausbildung, die es ihr erlaubte, jüdische Religion an Mädchenschulen in Berlin zu unterrichten. Doch Jonas war dies nicht genug; sie strebte nach einer höheren theologischen Ausbildung. Im Jahr 1924 gelang es ihr, an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums aufgenommen zu werden, die zwar Frauen zuließ, ihnen aber nicht das Recht auf das Rabbineramt erteilte. Dies hielt Regina jedoch nicht auf; sie wurde die einzige Studentin, die sich nicht mit der bescheidenen Rolle einer Lehrerin zufrieden gab.
Ihre Diplomarbeit, die von dem Professor für Talmud, Eduard Baneth, betreut wurde, war eine Untersuchung mit dem vielsagenden Titel: „Kann die Frau das Rabbineramt bekleiden?“ Die Forscherin verband traditionelle juristische Argumentation mit einem modernen Ansatz, um zu beweisen, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter in den jüdischen Rechtsquellen selbst verankert sei. Jonas lehnte sowohl die orthodoxe Überzeugung der Unvereinbarkeit von Gleichheit mit der Halacha als auch das reformistische Streben nach Modernisierung auf Kosten der Aufgabe der Halacha ab. Sie analysierte sorgfältig Quellen zur Rolle der Frauen in der jüdischen Tradition und führte Beispiele biblischer Heldinnen sowie talmudischer Persönlichkeiten wie Beruriah oder Yalta an.
Sie analysierte sogar negative Äußerungen über Frauen im Talmud und verglich sie mit den Bewertungen herausragender Weiser, um zu beweisen, dass diese Vorurteile menschlicher und nicht göttlicher Natur seien. Im Juni 1930 präsentierte Jonas diese wissenschaftliche Arbeit dem Rat, und die Pädagogen erkannten sie als den weltweit ersten Versuch an, eine halachische Begründung für das weibliche Rabbinat zu finden. Eines der Hauptargumente von Regina Jonas in ihrer Dissertation war das Ideal der Bescheidenheit. Sie bewies, dass Frauen in der Lage sind, die Werte der Demut, Zurückhaltung und moralischen Verantwortung wiederzubeleben. Nach Ansicht der Wissenschaftlerin musste eine Rabbinerin nicht heiraten, hatte aber das Recht, selbst zu entscheiden, ob sie als Ehefrau und Mutter leben oder sich entsprechend ihren Fähigkeiten dem Beruf widmen wollte.
Zeugnis von Mut und Glauben

Die Dissertation wurde mit „gut“ (Praedikat gut) bewertet, doch nach dem Tod von Reginas Betreuer Eduard Baneth änderte sich die Situation. Der neue Dozent, Hanoch Albeck, wagte es nicht, eine Frau zu ordinieren, und andere Professoren distanzierten sich, um keinen Skandal zu provozieren. Daher erhielt Regina nur ein Lehrerdiplom. Dies hielt sie jedoch nicht auf. Jonas begann, jüdische Religion an mehreren Mädchenschulen in Berlin zu unterrichten, und wurde aufgrund ihrer Hingabe zur Sache und ihres tiefen Fachwissens schnell bei den Schülern beliebt. In der Zwischenzeit änderte sich die Situation in Deutschland im Jahr 1933: Antisemitischer Gesetze beraubten viele jüdische Kinder des Rechts auf Bildung in staatlichen Schulen. Infolgedessen stieg die Belastung der jüdischen Lehrer erheblich an, und Regina musste die Schüler nicht nur in Sprache und Religion unterrichten.
Trotz aller Hindernisse gab Jonas den Kampf um die Ordination nicht auf. Und im Jahr 1935 wurde ihr Traum wahr: Rabbiner Max Dienemann stimmte zu, die Frau im Namen der Konferenz liberaler Rabbiner zu ordinieren. Regina wurden nur wenige Jahre der praktischen Tätigkeit in Berlin gewährt, die sie jedoch maximal nutzte. Im Jahr 1937 ernannte die Jüdische Gemeinde zu Berlin sie offiziell zur Pastoral-rabbinischen Beraterin in sozialen Einrichtungen. Jonas arbeitete im Jüdischen Krankenhaus, predigte in liberalen Synagogen und wurde sogar in die in Berlin berühmte Neue Synagoge eingeladen. Darüber hinaus hielt die junge Rabbinerin Vorträge für Gruppen wie „WIZO“, den „Jüdischen Frauenbund“ und jüdische Frauenzirkel, besuchte Kranke und kümmerte sich um ältere Menschen, deren Leben sich nach der berüchtigten „Kristallnacht“ in eine schwere Prüfung verwandelt hatte.
Pastorin in der Hölle der Tragödie

Im Winter 1941 erhielt Regina einen Auftrag von der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ – einer 1939 gegründeten Organisation für deutsche Juden. Sie reiste in Städte, in denen jüdische Gemeinden ohne Rabbiner dastanden, hielt Predigten in Braunschweig, Göttingen, Frankfurt (Oder), Wolfenbüttel und Bremen. Im Jahr 1941 wurde Jonas, wie auch andere Berliner Juden, zur Fabrikarbeit herangezogen. Doch selbst in den Werkshallen blieb sie Rabbinerin für jene, die geistliche Hilfe benötigten.
Freunde rieten Regina wiederholt, Deutschland zu verlassen, doch sie weigerte sich beharrlich. An Schawuot 1939 erklärte die Rabbinerin ihre Haltung damit, dass die Herrschaft der Nationalsozialisten eine Zeit der Feuerproben sei und die deutschen Juden daher die historische Last tragen müssten. Und auch Garanten der jüdischen Zukunft zu sein, Israel zu verteidigen und das Werk der Vorfahren vom Sinai fortzusetzen. Unter der nationalsozialistischen Politik blieben Regina jedoch keine Chancen. Im November 1942 wurde die mutige Rabbinerin zusammen mit ihrer Mutter nach Theresienstadt deportiert. Dort stellte sie ihren Dienst nicht ein: Sie predigte, beriet und arbeitete offiziell im „Referat für psychische Hygiene“ unter der Leitung des Psychoanalytikers Viktor Frankl.
Die Stimme des Glaubens nach dem Tod

Im Oktober 1944 endete Reginas Leben auf tragische Weise: Sie und ihre Mutter wurden nach Auschwitz deportiert, wo die Frauen wahrscheinlich noch am selben Tag ums Leben kamen. In den Archiven hat sich ihr Manuskript mit dem Titel „Lehren der einzigen Rabbinerin Regina Jonas“ erhalten – 24 Themen für Vorträge, Predigtnotizen und eine Zusammenfassung ihrer religiösen Weltanschauung. Jonas schrieb, dass sie das jüdische Volk von Gott als gesegnete Nation in die Geschichte eingeschrieben sieht. Und dass die Aufgabe Israels darin bestehe, die Säulen der Welt zu errichten, und die Arbeit in Theresienstadt diesem Ziel entsprach. Nach Ansicht der ersten Rabbinerin waren es stets ehrliche Männer und mutige Frauen, die die Stütze des jüdischen Volkes waren, und sie versuchte, diesem Anspruch gerecht zu werden.
Moderne Forscher sind überzeugt: Diese Worte von Regina Jonas wurden zu einem Vermächtnis, das die Berliner Juden auch im 21. Jahrhundert weiterhin inspiriert. Die mutige und engagierte Frau wurde von der Gemeinde der Hauptstadt nicht vergessen. Im Jahr 2014 wurde in Theresienstadt eine Gedenktafel enthüllt, die das Leben und Erbe von Regina Jonas – der ersten Rabbinerin der Welt, die selbst in den schrecklichen Zeiten des Holocaust nicht zerbrach – würdigt.
Quellen:
- https://www.projectkesher.org.ua/news/yevreys-ki-zhinky-feministky/
- https://jwa.org/encyclopedia/article/jonas-regina
- https://aboutholocaust.org/en/facts/who-was-rabbi-regina-jonas-and-why-was-she-murdered-in-auschwitz-in-1944
- https://www.svoboda.org/a/minjyanu-vopreki-zhiznj-i-smertj-pervoy-v-mire-zhenschiny-ravvina/32881105.html